3. Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 466
von Peez, daß 100 Kilogramm Weizen für 12 Mark früher auf der alten Landstraße
100, auf der Kunststraße 400, auf der ersten Bahn 18060 Kilometer weit befoͤrdert
wurden, auf den heutigen Bahnen 4500, auf den Ozeandampfern 25 000 Kilometer
weit befördert werden. Nach den Berechnungen von Jurafschek und anderen kann man die
Transportleistungsfähigkeit der Seehandelsmarine der wichtigeren Staaten in Millionen—
Registertonnen (324 Segeltonnen gleich einer Dampftonne) etwa so schätzen: 1820
3,8 Mill. 1831 8,09, 1850 8,0, 1875 80,2, 1898/98 68,8 Mill. Das ist eine Zu—
nahme der Fafsungskraft von 1: 17, und da heute 2—4 Reisen in derselben Zeit gemacht
werden, wo früher eine möglich war, der Leistung von 1: 34 bis 68. —
Der Landverkehr hatte schon vor dem verbesserten Straßenbau des 19. Jahr⸗
hunderts eine sehr große Förderung erhalten: die in der Hauptsache im 16. und
17. Jahrhundert gelingende Organisation der Posten. Wo in älterer Zeit eine starke
politische und militärische Gewalt über größere Gebiete entstanden war, wie in Persien,
vor allem später in Rom, hatte sie einen Läufer- oder Reiterdienst mit Ablosungs—
stationen errichtet, um ihre Befehle zu versenden und Berichte zu empfangen. Mehr
war auch, wie schon erwähnt, der römische cursus publicus nicht gewesen; er stützte sich
auf Zwangsdienste an Fronpferden, beförderte die Beamten und Offiziere, hatte in dem
zuten Straßensystem eine vortreffliche technische Grundlage. Die arabischen Reiche, die
hinefische Regierung hatten ähnliche Einrichtungen. Die Spanier übernahmen eine solche
wahrscheinlich von den Arabern in Granada. Die italienischen Mächte, vald auch die
mitteleuropäischen, versuchten solche Botenkurse seit den Kreuzzügen zu errichten; die
Aniversitäten und kaufmännischen Korporationen, die deutschen Territorialfürsten folgten
im 13. bis 16. Jahrhundert. Die Kaiser Marximilian und Karl V. ließen durch die
Familie Tarxis solche Kurse zwischen Brüssel, Innsbruck, Wien und Madrid einrichten.
Die Kosten waren groß. Und mit all' dem war das, was wir heute die Post nennen,
nicht erreicht.
Der gesteigerte Brief-, Geschäfts-, Reise- und Warenverkehr zwischen Italien,
Frankreich, Deulschland und Flandern legte es, wo diese Boten regelmäßig gingen,
nahe, ihnen erst private Briefe gegen Entgelt mitzugeben, dann auch sich ihnen zur Reife
anzuschließen, durch sie die Reitpferde zu deziehen, mit ihnen die Herbergen aufzusuchen.
Es bildeten sich so feste Routen mit festen Stationen, mit Wirtshäusern, mit Einrichtungen,
welche Pferde und Karren sowohl für die amtlichen Boten als für Private entgeltlich
stellten. Indem die Boten und ihre Vorgesetzten nunmehr auf die Brief⸗, Personen⸗,
Paket- und Geldbeförderung für Private Gewicht legten, wurden sie reich und angesehen,
wie das besonders von den spanischen Carreos majores berichtet wird. Auch die Wirte
und die Mezzger, welche die Pferde stellten, gewännen dabei. Allerlei Leute, Fleischer,
Ktaufleute, Wirte versuchten selbständig regelmäßige Fuhren zu machen; das Fracht—
juhrgeschäft entwickelte sich vom 16. bis 19. Jahrhundert neben und mit den Posten.
Indem die städtischen und fürstlichen Regierungen von 137051700 das ganze
Botenwesen und seine Thätigkeit für das Publikum festen Ordnungen und Tarifen
unterwarfen, die feste Periodizität der Boten- und Reitkurse, der Karren- und Wagen—
läufe festsetzten, teilweise die ganzen Anstalten auf ihre Rechnung übernahmen und in
den Dienst der Gesamtheit stellten, entstanden staatliche oder staatlich kontrollierte Groß—
betriebe des Verkehrs, welche ebenso dem öffentlichen Dienste wie dem Publikum die
Barantie der Sicherheit und Regelmäßigkeit der Brief- und in einzelnen Ländern bald
auch der Personen- und Warenbeförderung gaben. Das war die Post im heutigen
Sinne. Haben die Kurse auch erst im 18. und 19. Jahrhundert sich weiter ausgedehnt,
'onnten erst auf den besseren Straßen des letzteren die sogenannten Schnellposten, welche
seit 1820/80 statt 4228 8—18 Kilometer in der Stunde zurücklegten und damals wie ein
Wunderwerk angestaunt wurden, eingeführt werden, wurde das platte Land erst in den
letzten 80 Jahren in den täglichen Kursdienst der Post einbezogen, so waren die
Wirkungen doch schon von 1600 an erheblich. Beust sagt im 17. Jahrhundert: sobald
die Kaufleute wahrnahmen, daß sie den Wechselkurs, die Taxe und den Preis aller
Waren durch die Post für weniges Geld haben könnten, ohne nach Antwerpen zu reisen,