691)] Das ältere Privatbankgeschäft. Die englischen Depositen-⸗ und Diskontbanken. 233
alle bemittelten Familien bis in den unteren Mittelstand, ihre Einnahmen einer Bank
übergeben, durch sie zahlen; die Depositenbanken verstanden durch ihr Filialennetz überall,
auf dem Lande, in jeder Vorstadt Kunden zu werben. Die Banken zahlen keine oder
geringe Zinsen für das niedergelegte Geld; die Depositen der oben genannten Banken
stiegen bis 1879 auf 198 Mill. Pfd. Sterling, bis 1901 auf 541 Mill. Pfd. Sterling
(vgl. oben S. 193 die Bemerkung über den statistischen Sinn der englischen Depositen).
Die großen Depositen erlauben den Banken, mit mäßigem eigenen Kapital auszukommen;
das eingezahlte beträgt durchschnittlich nicht 1 Mill. Pfd. Sterling. Ihre Kassen⸗
haltung ist auch mäßig; sie verlassen sich auf die Bank von England. Ihr Haupt—
passivgeschäft besteht in Wechseldiskontierung, Lombarddarlehen und Kontokorrentkredit
ohne Deckung auf kürzeste Zeit; Spekulations- und Gründergeschäfte machen sie nicht.
Es handelt sich um solide, gleichmäßige, für die länger schon bestehenden Banken
nicht sehr rentable Betriebe; ihre Thätigkeit ist noch dadurch erleichtert, daß sie ihre
— zu einem großen Teil nicht selbst, sondern durch die Wechselmakler
esorgen.
Diese Makler haben früher nur zwischen den Kreditsuchenden und den Banken
vermittelt; sie sfind dann mehr und mehr selbsthaftend in das Geschäft eingetreten, sind
damit selbst zu Bankiers geworden. Die größten haben sich zu Aktiengesellschaften aus—
geweitet, werden jetzt als Diskonthäuser bezeichnet; es gab schon 1880 drei solcher in
VLondon neben etwa 830 Wechselmaklerfirmen. Sie können billiger als die Depositen-
banken diskontieren, weil sie sich arbeitsteilig auf specielle Geschäftszweige beschränken,
in ihnen eine viel größere Personen- und Sachkenntnis haben. Ihre eigenen Mittel
und ihre eigenen Deposfiten sind nicht groß; sie arbeiten wesentlich mit Kapital, das
ihnen die Depositenbanken für ganz kurze Zeit anvertrauen, das sie ihren Kunden
etwas teurer geben als sie es erhalten; da ihre Konkurrenz untereinander sehr groß ist,
so ist ihre Geschäftsführung meist zu gewagten Krediten genötigt; in der Zeit der
Krisis, wenn die Depositenbanken ihren Kredit an sie einschränken, wird ihre Stellung
gefährdet. Die großen Krisen in England begannen stets mit dem Fall von Diskont—
häusern. Die größten kaufmännischen Bankerotte 1857, 1866 und 1890 betrafen
Diskonthäuser. Sie haben vor allem auch dadurch gesfündigt, daß sie ihre Kunden
Wechsel auf sich ziehen ließen, sie acceptierten und so diesen möglich machten, die
Accepte bei großen Banken günstig zu diskontieren. Baring Brothers hatten vor ihrem
Zusammenbruch 1890 auf nicht 4 Mill. Pfd. Sterling eigenes Kapital 1720 Mill.
Pfd. Sterling Accepte auf sich laufen. Seither hat sich dieser Acceptkredit ziemlich
eingeschränkt. Jaffé glaubt, daß die Wechselmakler und Diskonthäuser künftig durch
die Wucht der Konkurrenz zum Verschwinden gebracht werden, daß die Depositenbanken
doch mit der Zeit sie aufsaugen, ihre Geschäfte in dem Maße an sich ziehen werden,
wie sie sich ausdehnen, durch Filialen überall hin Verbindungen bekommen.
Ist der Votzug dieses englischen Depositen- und Diskontbanksystems, daß es von
Spekulations-, Börsen-⸗, Gründer⸗-, Anlehengeschäften mit ihren Gefahren sich fern hält,
daß es in engster Fühlung mit Warenhandel und Warenproduktion diese genau kennt,
unterstützt und lenkt, daß es die ganze Bevölkerung zur Sparsamkeit erzieht, alle
Zahlungen sehr billig durch die Checks, das Umschreiben und die Clearinghäuser abmacht,
so entbehrt es doch auch der Schattenseiten nicht: es ˖ wird über zu wenig eigenes
Kapital, zu großen Verlaß auf die Barrefserve der Bank von England, über zu starke
Ausdehnung des Lombardgeschäftes, bei dem auch unsichere Papiere genommen werden,
über sieigende Konkurrenz der Banken unter sich, abnehmende Rentabilität und unüber—
sichtliche kümmerliche öffentliche Ausweise geklagt.
Die Vorausfetzung der im ganzen soliden Depofitenbanken war, daß für die
gewagteren Kreditgeschäfte eigene Organe entstanden. Einmal die Kolonialaktienbanken,
dann die sogenannten fremden Aktienbanken, endlich die financial Companies, Trusts u. s. w.
Die saämtlichen Geschäfte dieser Art lagen früher in den Händen der ganz großen Privat—
firmen, der Merchants. Sie hatten das internationale und koboniale Edelmetlalle,
Wechsel-. Arbitragegeschäft. wie Gründungen und Staatsanleihen in der Hand, hatten