236 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß dezs Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [694
Die Kernfrage bleibt immer, ob sie das Gründungsgeschäft, die Effektenspekulation
anständig und richtig betreiben, ob sie nicht das Publikum zu sehr zur Börsenspekulation
verführen, und ob sie daneben das gewöhnliche Bankgeschäft entsprechend fördern, Handel
und Industrie durch ihre Kreditgebung richtig lenken, im rechten Augenblick zurück—
halten, im rechten vorwärts treiben.
Das Gründungs- und Emissionsgeschäft ist ein heilsamer und berechtigter Zweig
ihrer Thätigkeit; er wird viel besser von großen in der Hffentlichkeit kontrollierten
Effektenbanken betrieben als von Privaten und von kleineren unbekannten Banken. Es
liegt am besten in den Händen der großen genialen, teilweise freilich oft auch schwindel⸗
haften und gewissenlosen, teilweise aber auch peinlich ehrlichen, die große Verantwortung
Joll fühlenden Bankdirektoren, wie sie heute an der Spitze vieler Effektenbanken stehen.
Von übernommenen Anlehen, gegründeten Aktiengesellschaften müssen die Banken große
Bestände längere Zeit in den Händen behalten, um die Kurse zu halten, die Verwaltung
der neugegründeten Gesellschaften zu beeinflussen. Aber natürlich müssen sie dann nach und
nach sich wieder von diesen Lasten befreien, um ihr Kapital neuen Zwecken zuzuwenden.
Sie müssen dabei an der Börse die von ihnen eingeführten Effekten kaufen und verkaufen;
aber sie sollen nicht künstlich die Kurse beeinflussen, um wesentlich durch gemachte Kurs⸗
inderungen große Spekulationsgewinne zu erzielen. Noch weniger sollen sie durch über—
maͤßige oͤrleichterung des Kredits an Börsenspekulanten (in Form von Accepten, Lombards,
Reports) die Spekulation der Privaten und berufsmäßigen Spekulanten an der Börse
künstlich fördern, nur um hohe Provifionen zu verdienen oder gar um ihre Spekulations—
kunden durch geschickte Manoͤver um ihren Besitz zu bringen. Die Banken, welche sich
solche und andere Sünden in zu starker Weise zu Schulden kommen lassen, fallen ja nun
vielsach in den Epochen der Krisis, wie so viele 1878—1875, wie Bontoux (Union geénérale)
1882 in Paris, wie 1890 -1891 und 1901 einzelne deutsche und englische große Häuser.
Damit wird die Luft gereinigt, aber es fragt sich, ob auf die Dauer und ob wirklich
die größesten oder nur die dummen Sünder fallen. Auch erste, heute noch bestehende
Effektenbanken haben schwer gefehlt, sich und ihren Kunden Verluste von Millionen
zugefügt, ihre enormen Deficite oft künstlich zugedeckt, zuletzt wieder durch glückliche
zeüe Spekulationen und Fusionen ausgeglichen. Aber ein Fortschritt zum Besseren
scheint doch bei den großen deutschen Effektenbanken vorhanden zu sein. Die Offent⸗
lichkeit zwingt sie dazu, die Erfahrungen der früheren Krisen haben gut gewirkt.
Das laufende Kundengeschäft haben die besseren Effektenbanken Deutschlands, wie
vor allem die Deutsche Bank, mit Energie und Geschick ausgebildet; sie haben dabei die
Aufgaben der deutschen Volkswirtschaft zu Hause und auf dem Weltmarkt mit weitem
Blicks erfaßt, die Industrie- und Exportentwickelung machtvoll gefördert, vielleicht eher
zu sehr durch billigen kurzen Kredit auch da gefördert, wo die Geschäfte nur mit eigenem
Kapital, nicht mit Bankkredit, der zuletzt immer unsicher und kurz bleibt, sich hätten
ausdehnen sollen. Sie haben auch in der Zeit der Krisen sich dadurch mehr und, mehr
bewährt, daß sie die Reichsbank in dem Bemühen unterstützten, gute und solide Geschäfte
zu halten, sowie dadurch, daß sie fallende Gesellschaften ohne eigentlichen Konkurs zu
sanieren, auf neue Grundlage ohne zu große Verluste für die Gläubiger zu stellen
suchten. Sie sind unberechtigten plötzlichen Depositenkündigungen nicht ohne Vor—
bereitung und Geschick entgegengetreten; eine der Berliner Banken vermochte in der
letzten Krise bei einem Depositensturm mit, Hülfe anderer Institute in wenigen Tagen
6ò Mill. Mk. zurückzuzahlen, was 1873, ja 1890 kaum möglich gewesen wäre.
Immer kann noch vieles besser werden; und in Zeiten der Krise, wie gegenwärtig
(1900 1902), werden Reformen aller Art gefordert. Viele Wünsche sind berechtigt,
wie eine größere Einschränkung des Acceptkredits, der in seiner Entartung zur Wechsel⸗
reiterei führt, eine viel größere Enthaltsamkeit in der Begünstigung des Börsenspiels
der Privaten; ferner die Forderung eingehenderer, häufigerer oöͤffentlicher Berichte, vollends
umfangreicher öffentlicher Jahresberichte; die jetzigen verschleiern die Geschäfte oft mehr
als fie fie darlegen. Ob und wie weit man durch Statut oder Gesetz nach dem Vor—
bild der Notenbankgesetzgebung die Deckung der Devositen, die Art der erlaubten und