Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

895]) Das Gründungs⸗ und das Kundengeschäft der Effektenbanken. Ihre Centralisation. 237 
unerlaubten Geschäfte näher festlegen könne und solle, ist eine offene Frage: ebenso ob ihnen 
die Ausgabe von verzinslichen Obligationen und auf welche Kündigungstermine erlaubt 
sein soll, wie einst der Seehandlung, ob sie ihre eigenen Aktien beleihen oder zurückkaufen 
dürfen, ob ihnen für Grund- oder Hypothekenerwerb eine Schranke gesetzt werden soll, 
ob ihnen die eigene Börsenspekulation, die Termingeschäfte verwehrt oder erschwert werden 
sollen? Wir wollen auf all' diese Fragen nicht näher eingehen. Eine anständige Praxis 
hat vielfach der Gesetzgebung, die kommen wird, vorgearbeitet. 
Die radikale Forderung, daß die kontinentalen Effektenbanken sich nach englischem 
Vorbild in reine Depositen- und Diskontbanken und in reine Effektenbanken scheiden 
sollen, ist praktisch nicht erfüllbar. Die richtige Verbindung beider Zweige hat, wie 
wir glauben, mehr Vorteile als Nachteile, dürfte namentlich dahin wirken, daß die 
Banken nicht auf die Forcierung des Gründungsgeschäftes angewiesen sind, sondern 
dieses unter Berücksichtigung der allgemein volkswirtschaftlichen Interessen betreiben 
können; wo diese Verbindung eingelebt ist, könnte sie nur verboten werden, wenn 
ungeheure Mißstände vorhanden wäͤren, was jetzt nicht der Fall ist. 
Einiges hat praktisch das Geschäftsbedürfnis aus dem Umkreis ihrer Thätigkeit 
ausgeschieden: es sind auch auf dem Kontinente besondere Kolonial- und überseeische 
Banken entstanden, welche freilich teilweise in enger Fühlung und Personalunion mit 
den Effektenbanken stehen. Und ebenso haben sich Trust— und Finanzgesellschaften ge— 
bildet, welche, wie z. B. die Eisenbahnrentenbank in Frankfurt a. /M. auswärtige Vicinal— 
eisenbahnaktien, überhaupt Anlagewerte erwirbt und verwaltet, die das Vublikum nicht 
seicht kauft, nicht beurteilen kann. 
Dieser differenzierenden Bewegung steht aber eine entgegengesetzte centralisierende 
—D0— schon seil den 1860 er und 
1870 er Jahren die großen Emissionsbanken zu einzelnen Konsortialgeschäften und bald auch 
zu dauernder Gruppenbildung (in Deutschland zur Rothschildgruppe und ihren Gegnern, 
in Berlin jetzt zu den 18 Banken des sogenannten Stempelvereins) zusammengetreten 
waren, einen erheblichen Teil der Konkurrenz ausschalteten und so zu Monopolstellungen 
gelangten, haben seit den letzten 10 und 158 Jahren die Fusionen mittlerer und großer 
Banken, die Verschmelzung der hauptstädtischen mit den provinziellen Banken, die große 
Ausdehnung des Filialensystems immer größere, mächtigere Organisationen geschaffen. 
Diese Bewegung ist es, welche einen großen Teil des kleinen und des großen Privat⸗ 
bankgeschäfts beseitigt, welche bei weiterem Fortgang vielleicht eine noch gewaltigere 
Centralisaltion wie im Notenbankwesen herbeiführt, welche auch Staat und Gesetz⸗ 
gebung eher aus ihrer bisherigen passiven Rolle den Effektenbanken gegenüber locken 
wird als die seitherigen, eher ab- als zunehmenden Mißbräuche. 
Die Ursachen der Centralisation find teilweise ähnliche wie bei den Noten— 
—DD—— Kosten sind vielfach 
zrößer; die Provinzialinstitute müssen sichere Vertreter in der Hauptstadt haben. Dann 
haben die Konsortialgeschäste die Bewegung vorbereitet; oft war das Motiv der Ver⸗ 
schmelzung auch nur ein Kursgewinn; wenn die Aktien des einverleibten kleinen In— 
stituts z. B. auf 100, die des absorbierenden auf 200 standen, so konnte damit ein 
Gewinn im Betrage der Kursdifferenz dieser beiden Aktien, also von 100, gemacht 
werden. In Englaud hat die Barcleys Bank in wenigen Jahren 18 andere absorbiert; 
in Deutschland haben die großen Berliner Banken hauptsächlich seit 1895 teils durch 
Fusionen, teils durch Kommanditbeteiligung bei anderen großen Banken eine beispiel— 
lose Centralisation erreicht. Die Deutsche Bank, an sich die größte nach der Reichsbank, 
oerfügt jetzt über 8 größere Banken, als ob es ihre Filialen wären⸗ Die großstädtische 
Bankwelt gewinnt damit noch mehr als bisher das Ubergewicht über die Provinz; von 
1989 Mill. Mk. Kapital der Effektenbanken 1900 fallen 1019 Mill. auf die Berliner; 
das eigene und fremde Kapital der Effektenbanken machte 6958, das der Berliner 
3821 Mill. Mk. aus. Die Macht der Bankleiter ist durch die Centralisation außer— 
ordentlich gesteigert worden; ebenso hat aber die Schwierigkeit und die Verantwortlich—
	        
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