718) Die Schulzeschen Vorschußvereine. 255
Diese Zahlen deuten schon an, daß viele der größeren Vereine zu erheblichen Bank—
geschäften geworden sind; daß man ihnen 1871 gesetzlich erlaubte, mit Nichtmitgliedern
Geschäfte zu machen, und daß man den Vorständen teilweise erhebliche Tantiemen neben
den Besoldungen gab, verführte manche zu kühnen Börsenspekulationen. Manche ver—
wandelten sich in Aktienbanken, besonders als ihnen 1889 das Recht wieder genommen
wurde, Nichtgenoffen Kredit zu geben. Etwa 100 nahmen 18890—1890 die Form der
Aktiengesellschaft an. Viele dehnten ihre Geschäfte weit über die Gemeinde aus, in
der sie saßen. In manchen Gegenden traten auch viele Landwirte ein. Im ganzen
aber blieben sie die Banken des städtischen Mittelftandes, der Handwerker und kleinen
Kaufleute. In der weitaus überwiegenden Mehrzahl blieb der alte Geist der Solidität
und geschäftlicher Tüchtigkeit, gepaart mit genossenschaftlichem und Gemeinsinn vor—
herrschend; die Anwaltschaft, das Gesetz, die Musterstatuten, die provinziellen und
Gesamtverbandstage wirkten energisch aͤuf streng solide Grundsätze hin. Möglichst
fuchte man das Kreditgeben an die Vorstände, die Hauptquelle der Mißbräuche bei
den Aktienbanken, zu erschweren. Die immer zahlreicher werdenden Vorstände, Auf—
sichtsräte und Beamten, ihre Bindung an Instruktionen hatten natürlich eine mehr
bureaukratisch⸗routineartige Verwaltung zur Folge; die Verwaltung wurde auch teurer.
Die Generalbersammlung behielt nicht überall den großen beherrschenden Einfluß wie
früher. Man betrachtete hohe Dividenden von Ansang an als erwünscht, um Mit—
zlieder zu locken; sie wurden mannigfach erstes Geschäftsprincip und traten der Tendenz,
den Kredit für die kreditsuchenden Genossen zu verbilligen, entgegen. Alle großen
Vorschußvereine nähern sich so den Aktienbanken in ihren Tendenzen. Es ist natürlich,
daß sie, zu großen kaufmännischen Kreditinstituten erwachsend, gleichsam zwei Seelen
oder Tendenzen haben: die idealistisch-genossenschaftliche des Schuldnervereins, die dem
leinen Mann aufopfernd helfen, die gewinnfüchtige der Anteilbesitzer, die hohe Dividende
haben und vorwaͤrts kommen will. Allein es sind das doch die zwei Richtungen, die
in jeder Menschenbrust und in jeder socialen Organisation liegen. Es ist kein Unglück,
wenn die letztere Tendenz in einzelnen Vereinen die Oberhand erhält; sie sind dann
eben dasselbe, was eine andere gewöhnliche Bank ist. Es würde nur aus der ganzen
Institution etwas anderes machen und ihr die große Bedeutung für die Zukunft rauben,
wenn diese Tendenz allgemein stegte. Doch ist davon nicht die Rede. Nur das wird
nan sagen können? die geringere werbende Kraft des Gedankens seit 1875—51880, der
seither dielfach eingetretene Süllstand komme daher, daß die bestehenden Vereine und
ihre Führer als béati possidentes mehr die Geschäfts- als die ideale Seite pflegten.
Teilweise mag die Ursache auch darin liegen, daß die vorhandenen 2—383000 städtisch-
gewerblichen Vorschußvereine in der Hauptsache das ihnen günstige Gebiet nun erobert
hatten, und ihre Formen zur Ausdehnung auf die kleinen Orte und das platte Land
aicht so paßten.
Jedenfalls aber sind diese Volksbanken einer der erfreulichsten und schönsten Zweige
am Baum der deutschen Volkswirtschaft. Es ist eine segensreiche, den ganzen Mittel—
stand heilsam beeinfluüffende Thatsfache, daß diese soliden Vereine, an denen weit über
eine Million kleiner und mittlerer Geschäftsleute beteiligt sein wird, fast in allen
Städten das Personalkreditwesen so solide organisierten, daß sie und nicht ebenso viele
private Bankiergeschäfte es in der Hand haben.
Osterreich, Jialien, die Schweiz haben, wenn keine gleiche, doch eine analoge
Entwickelung, während sie England und den Vereinigten Staaten ganz fehlt, in Frank—
reich und Belgien nur kümmerliche Anfänge sind. Wo sie mangeln, ist auch in den
Städten das Wuchergeschäft viel größer, die Abhängigkeit von kreditvermittelnden
Notaren und Rechtsanwälten viel umfassender, kann der ganze Mittelstand sich viel
niger halten. Die deutschen Vorschußvereine bilden mit ihren zahlreichen provinziellen
Zewanden und ihrer centralen „Deutschen Genossenschaftsbank von Sörgel, Parisius
Co.“, welche seit 1867 einen Giroverband, seit 1896 eine Checkvereinigung aus—
gebildet hat, cinen festen Stamm für eine solide, rein lokale Kreditorganisation.