Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

741)] Die Ordnung der Arbeitszeit. 
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arbeit wurde in vielen Branchen allgemein üblich. In den ogenannten Saison— 
gewerben wurde es am schlimmsten. Da steigerte sich die tägliche Arbeitszeit periodisch 
bis zu 16, ja 20 Stunden. Der ungezügelte Erwerbstrieb der Unternehmer und die 
proletarische Not der Arbeiter reichten sich zu dieser Mißbildung die Hand. Eine kurz⸗ 
fichtige Geschäftspraxis glaubte so mit gleichen Kosten mehr zu produzieren; die 
manchesterlich englische Nationalökonomie (Senior) brachte das Schlagwort auf, der 
Gewinn des Fabrikanten werde in den letzten Stunden erzielt. Man übersah die ver— 
hängnisvollen Folgen für das Familienleben, für die körperlichen und geistigen Kräfte 
des Arbeiterstandes. Man bemerkte nicht oder wollte nicht bemerken, daß der längeren 
Kapitalausnützung die immer lässiger werdende Arbeit der übermüdeten Leute gegen— 
überstand, daß die Arbeiter von der 10., 12. Stunde an, vollends die Nachtarbeiter 
bei langer Nachtschicht immer Schlechteres lieferten. 
Die Folgen wurden zuletzt so, daß eine Reaktion kommen mußte. Die voran— 
geschrittenen Arbeiter, die Humanität, die hygienische und sociale Wifsenschaft begannen 
gegen die überlange Arbeitszeit zu kämpfen. Englische Eisenbahnunternehmer wiefsen 
nach, daß in den Ländern lässiger Arbeit und niedrigen Lohnes die Arbeits— 
zeit am längsten, in den Ländern der intensiven besseren Arbeit am kürzesten fei. 
Einzelne weitblickende Fabrikanten machten Versuche mit kürzerer Arbeitszeit und 
fanden, daß gleich Viel und gleich Gutes oder Besseres bei gleicher Ausgabe für Lohn 
geleistet werde. Die Gesetzgebung begann, langsam und schüchtern, die Arbeitszeit der 
Kinder und der Unerwachsenen in gewissen Gewerbszweigen, seit 1847 in England die 
aller Frauen einzuschränken. Die organisierten Arbeiter, in einigen Ländern auch das 
Gefetz, verlangten ebenso die Beschränkung der täglichen Männerarbeit auf 11, 10, 
9 Stunden. Vielfach ist für schwere Arbeit schon der Neunstundentag üblich; allgemein 
gilt er oder der Achtstundentag den Arbeitern als das künftige Ideal. Man streitet 
nur darüber, ob er durch Gesetz zu erzwingen sei. Auch die Nacht- und die Sonntags— 
zeit ist nach langem Kampf in den letzten zwanzig Jahren, in Deutschland 1891, ein— 
geschränkt worden. Ebenso die Zeit der Offnung der Verkaufsläden am Sonntag, der 
alltägliche abendliche Ladenschluß. Auch die polizeiliche Schließung der Wirtschaften und 
Vergnügungslokale zu bestimmter Abend- oder Nachtstunde gehört in gewissem Sinne 
hieher. Das einzelne dieser Bewegung ist hier nicht darzustellen; auch die Kämpfe 
nicht, die jeder gesetzgeberischen Anderung erst vorausgingen und dann wieder folgten, 
als Reaktion der kurzsichtig egoistischen, verletzten Interessen. Fast eine Schmach für 
die aus politischen Parteigrunden daran Teilnehmenden ist die 1896 —1900 in Deutsch— 
land erfolgte Hetze gegen die anemn des Arbeitstages der Bäckereigehülfen und 
Lehrlinge auf 12, 11 und 10 Stunden. Überall hat mit der Zeit sich die Reduktion 
der gewerblichen Arbeitszeit, die Wiederherstellung der Sonntagsruhe, die Einschränkung 
der Nachtarbeit auf ein vernünftiges Maß als großer socialer Fortschritt, als ein 
Mittel zur Hebung der Gesundheit, Gesittung und Lebenshaltung erwiesen. Gewiß 
hat teilweise die Verkürzung auf eine intensivere anstrengendere Nerven- und Muskel—⸗ 
thätigkeit hingewirkt, aber sie ist erträglich bei 8—10 stündiger Arbeit, sie erzeugt eine 
normale Auslese der Tüchtigsten und Kräftigsten. 
Und man wird allgemein sagen können, je komplizierter der Gesellschafts— 
organismus wird, je mehr dieselben Personen ihre Zeit geteilt der Arbeit und dem 
Beschäft, der Familie und der Erholung, der Erziehung und den allgemeinen An— 
gelegenheiten widmen müssen, desto notwendiger ist eine allgemeine gesellschaftliche 
Ordnung der Zeitabschnitte, welche den verschiedenen Zwecken zu dienen haben. 
d) Natural- und Geldlohn, Warenzahlung. Die älteste Art der 
Arbeitsvergütung war überall die Darreichung von Wohnung, Speise und Kleidung, 
entweder direkt, wie die Familienglieder und Sklaven sie erhielten, oder indirekt, wie 
der Hörige sie durch Kate und Ackerstelle, durch Vieh-und Werkzeugüberlassung bekam. 
Der Geldlohn verband sich vielfach mit dem Vordringen der persönlichen Freiheit, hat 
aber keineswegs die Belohnung in Naturalien überall oder auch nur überwiegend sofort 
mit dieier beseitigt. Nicht nur blieb zunächst für das häusliche Gesinde, für die Lehrlinge
	        
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