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Marrsche Lohntheorie. Ursachen der Lohnhöhe. 305
211. Die Urfachen der Lohnhöhe und ihrer Bewegung. Angebot
und Nachfrage. Wollen wir die Einfeitigkeit der älteren Lohntheorie vermeiden
and doch zunächst in herkömmlicher Weise unsere Untersuchungen an Angebot und
Nachfrage des Arbeitsmarktes anknüpfen, so gehen wir dabei doch von dem aus, was
wir oben über das Arbeitsverhältnis gesagt: Wir betonten, daß es weder ein bloßer
Klassenkampf noch ein bloßer Marktvorgang sei, daß es von einer wachsenden
Rechtsordnung in bestimmte Bahnen gewiesen, sich der öffentlichen Beamtenstellung
annähere. Wir geben also wohl zu, daß hier beim Lohn wie bei jeder Wert—
bildung die Größenverhältnisse von Angebot und Nachfrage eine bestimmende Rolle
spielen, daß Nützlichkeit und Menge der Arbeitskräfte wertbildende Ursachen sind;
aber wir fügen bei, daß hier noch mehr als auf dem Warenmarkt hinter Angebot
und Nachfrage Gruppen von Menschen mit ihren Gefühlen, Sitten, Beziehungen
stehen, daß ihre fociale Stellung und Organisation, ihre Macht und ihre Schwäche,
alle die socialen Einrichtungen und rechtlichen Ordnungen, welche ihr Thun und
Lassen bestimmen, den Lohn und seine Veränderung mit beeinflussen, ja oft ihn
beherrschen.
In der Höhe des Lohnes drücken sich die Machtverhältnisse der socialen Klaffen
aus; die im Volksbewußtsein hergebrachten, befestigten, in der Lebenshaltung sich aus—
drückenden, nur langsam und schwer sich ändernden Klassenabstände spiegeln sich, wie in
der ganzen Einkommensverteilung, so speciell in der Gesamthöhe der Lohne und in den
abgestuften Löhnen der verschiedenen Arbeitergruppen wieder. Lohn, Lebenshaltung und
Klafsenabstand sind einerseits das Ergebnis der wirtschaftlichen, socialen und politischen
Versassung, der Arbeitsteilung und Besitzverteilung, kurz fest greifbarer realer Ursachen;
aber sie sind daneben und ebenso sehr ein Ergebnis massenpsychologischer Elemente; die
Verwertung von Kenntnissen und Fähigkeiten, die Herrschaft religiöser und anderer
Ideale, die daraus entspringende Modifikation der Klaffenbildung, der Sitten und
Rechtsinstitutionen giebt unter Umständen den genannten realen Urfachen eine andere
Farbe, Kraft und Wirksamkeit, hebt unter Umständen die Wirkung von Angebot und
Nachfrage in ihrer zahlenmäßigen Größe fast ganz auf oder läßt sie nur beschränkt
zum Effekt kommen. Auch die bisherige Theorie, welche den Lohn allein aug Markt—
zrößen erklärte, stellte daneben die Lebenshaltung und die Möglichkeit ihrer Anderung
in den Mittelpunkt und gab damit den Einfluß der sittengeschichtlichen, der moralischen
und institutionellen Ursachen zu. Gehen wir hiervon aus.
a) Die Lohnhöhe, die Lebenshaltung der Arbeiter als der Inbegriff ihrer
herkömmlichen Lebensbedürfnisse und endlich die wirtschaftlich-technische Leistungs-
fähigkeit des Arbeiters sind drei an sich getrennte, aber durch die intimsten Be—
ziehungen verbundene, sich immer wieder ins Gleichgewicht setzende Erscheinungen. Wir
haben uns zunächst über ihre Relation klar zu werden.
Keine Arbeiterklasse kann auf die Dauer existieren, Familien gründen, einen
Nachwuchs in gleicher Zahl erziehen, wenn sie nicht einen Lohn erhält, welcher ihr ge—
stattet, ihre gewohnten Bedürjnifse zu befriedigen. Mögen Zuschüsse aus eigenem
Besitz, aus der Armenkasse, den Allmenden da und dort Ausnahmen gestatten, mag
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zu vermehren, mag er da und dort 'mal sinken, ohne sie zu vermindern, — im ganzen
wird doch der Arbeiter auf die Dauer feinem Lohne entsprechend leben, die Be—
dürfnisse haben, die herkömmlich mit ihm zu befriedigen sind. In der herkömmlichen
Lebenshaliung liegen die Produktionskosten der Arbeit.
Ist nun der Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Lebenshaltung zwar im
allgemeinen sicher, aber im einzelnen doch mannigfach gestört, so entsteht die Frage,
wann und wo die Wirkung der Lohnhöhe auf die Lebenshaltung, der Lohnerhöhung
auf bessere Wohnung, Ernährung und Kleidung eintrete oder nicht, wo und in welchen
Fällen eine Lohnverminderung die Lebenshaltung vorübergehend oder dauernd herab⸗
n nis die Frage, um welche Zeiträume es sich handele, ob das Lohnsteigen oder
hr die Lebenshaltung oder ihre Veränderung mehr die Löhne beeinflusse.
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 16. Auff. —9—