769] Arbeits- und Kapitalnachfrage. Die Machtunlerschiede. 311
so annehmen können, daß der abnehmenden Arbeitsnachfrage in vielen hochstehenden
Industrien doch in den volkswirtschaftlich voranschreitenden Staaten eine wachsende
Gesamtnachfrage nach Arbeit gegenübersteht. Ich erinnere daran, daß ich oben schon
(18 88 S. 228) über diese Gesamtnachsrage beweisende Zahlen anführte. Preußen
zählte 1816 1,8, 1867 8,9, Deutschland 1882 10,7, 1895 12,8 Millionen in Unter—
nehmungen thätige Lohnarbeiter; Giffens Rechnung für das Vereinigte Königreich
geht dahin: 18386 9 Millionen, 1886 18,2 Millionen Lohnarbeiter mit 171 und
550 Millionen Gesamteinkommen und 19 und 412“/s Pid. Sterling jährlichen Kopi—
einkommens.
Auch aus den Berechnungen, welchen Anteil am Gesamteinkommen der Nation
die Löhne in verschiedenen Zeiten und Ländern ausmachen, kann man Rüchschlüsse
darauf machen, ob die zunehmende Kapitalanwendung dauernd in den letzten 200 Jahren
die Rachfrage nach Lohnarbeit absolut oder relativ eingeschränkt habe. Aber wir
'ommen darauf besser unten bei der Einkommensverteilung. —
Wir fügen diesen Bemerkungen über die Größe des Angebots und der Nachfrage
aach Arbeit noch ein Wort über die Intensivität ihres Auftretens, je nach den Macht—
oerhältnissen bei.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Nachfragenden im großen und ganzen
gegenüber den Anbietenden die Mächtigen, die Besitzenden, die Weitsichtigeren und
Selbstbewußteren, die sind, welche den Markt besser kennen, welche zuwarten können, welche
nicht ebenso dringlich wie die Arbeiter des Vertragsabschlusses bedürfen. Die Folge
ist, daß, wo dem nicht andere Ursachen entgegenwirken, der Lohn leicht unter dem
Riveau sieht, das man nach den bloßen Zahlenverhältnissen erwarten müßte. Wo der
Lohn längft steigen müßte, bleibt er niedrig; wo er steigt, thut er es oft langsam
und ungenügend. Lange Epochen sinkenden Lohnes sind nicht ohne Heranziehung
dieser Ursachenreihe zu erklären.
Aber es wäre doch ganz falsch, diese Relation zwischen Nachfragenden und An—
bietenden überall anzunehmen. Sie kann durch eine Reihe von Umständen ein—
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arbeitern so fehlen, daß bei ihnen die geringere Dringlichkeit vorliegt. In vielen Orten
und Gegenden mit kleinbäuerlichem und Kleinhandwerksbetrieb sind zeitweise die Lohn—
arbeiter, zumal die guten, so selten, daß bei ihnen, die ohnedies social den kleinen
Unternehmern gleichstehen, die Macht gleich oder größer ist, ja daß sie die Betriebs—
eiter mißhandeln und unter Umständen ausbeuten können. Fast in jeder stark auf—
steigenden Konjunktur wächst die Macht der Arbeiter, sinkt die der Unternehmer; wo
die Arbeiter gut organifiert sind, die Unternehmer nicht, kann das alle oben erwähnten
Vorzüge der letzteren aüsgleichen. Zunehmende technische und wirtschaftliche Bildung
der Arbeiter, zunehmender Besitz und zunehmende politische und berufliche Organisation
derselben sind das wesentlichsie Mittel, einen erheblichen Teil der Unternehmer-Über—
legenheit auszugleichen, während allerdings die neueren Riesentrusts und die Verbände
der Unternehmer auch die organisierten Arbeiter lahm legen können, die Uberlegenheit
der höheren Klafsen wieder herstellen. Wir kommen darauf im nächsten Kapitel
zurück. Die staatlliche Macht und die Wirtschastsinstitutionen haben es wenigstens
teilweise in der Hand, der zu starken, als ungerecht empfundenen Machtbenutzung der
einen oder der anderen Seite entgegenzutreten.
212. Die Ursachen der Lohnhöhe und ihrer Bewegung. Gesamt—
refultat. Die Erörterung von Angebot und Nachfrage zeigte uns die mannigsaltigsten
historischen, geographischen und beruflichen Möglichkeiten hoher und niedriger Loͤhne,
allender und steigender Lohnbewegung. Es handelt sich nun für uns darum, die
historisch und praktisch wichtigsten Ergebnisse daraus zu ziehen, hauptsächlich darum,
die wesentlichen Ursachen der großen Lohnbewegungen in den heutigen Kulturstaaten
während der letzten Jahrhunderte im Zusammenhang vorzuführen.
Dazu wird nötig sein, die Angebots- und Nachfrageverhältnisse der Arbeit im
Zusammenhang mit der Entwickelung der ganzen Volkswirischaft und deren Verfassung