7731) Gleitende Lohnskalen. Die Lichtseite des Lohnschwankens. 315
moralisch und socialpolitisch gut wirken, sofern die Arbeiter in der günstigen Konjunktur
ihren Lohn und ihre Lebenshaltung steigern, in der ungünstigen möglichst für Erhaltung
des Bestehenden kämpfen. Und Derartiges traf neuerdings für die höheren Arbeiter—
chichten sehr vielfach zu; aus dieser Thatsache schöpfen wir unsere socialpolitischen Hoff⸗
nungen für die Zukunft, die Hoffnung auf ein Steigen der Löhne und der Lebens—
haltung für die nächsten Generationen.
Natürlich hängt eine solche Entwickelung nun von vielen und komplizierten Ur—
jachen ab, wie wir schon oben sahen. Die Rasse und der Volkscharakter, der körperliche
und psfychische Habitus der Menschen, die moralischen und geistigen Kräfte, die Bildung
und Entwickelungsfähigkeit, vor allem aber auch die Staats- und Gemeindeverfassung,
das ganze Bildungswesen, die gesamten soeialen Institutionen, in erster Linie die be—
stehende Arbeitsverfafsung, entscheiden. Es ist hier der Punkt, von dem aus wir verstehen,
wie die wirtschaftlichen Institutionen die Lebenshaltung und den Lohn beein—
flussen und beherrschen. Wir haben schon zu Anfang des vorigen Paragraphen darauf
hingewiesen, daß eine tiefstehende Arbeiterklasse die Haussekonjunklur nicht zur dauernden
Verbesserung der Lebenshaltung benutzen werde, in der Baissekonjunktur sich leicht an
schlechteres Leben gewöhnen, daß aber eine hochstehende, tüchtige Arbeiterklasse sich um—
zekehrt verhalten werde. Die Volksschule, die steigende technische Bildung, das Arbeiter—
dereinswesen, die Hülfskassen heben das Selbstbewußtsein, das Streben nach Vorwärts.
Die nie fehlenden günstigen Konjunkturen wurden von der oberen Hälfte des Arbeiter—
sttandes wenigstens im ganzen richtig benutzt. Natürlich fehlte auch hier nicht die
Befahr, daß in solcher Zeit gepraßt, getrunken, in den Tag hinein geheiratet wurde.
Aber es wurde doch von den besseren Elementen zugleich gespart, die Wohnung und
Tleidung wurde besser. Die Bevölkerung wuchs nicht mehr so rasch und so proletarisch.
Die Leute traten der nun kommenden ungünftigen Konjunktur anders als früher gegen⸗
über; sie wanderten eher weg oder gar aus, ergriffen einen anderen Beruf, die Ehe—
frequenz und Kinderzahl nahm etwas ab; sie kämpften energisch gegen jede Lohnreduktion
und behielten so auch in den ungünstigen Jahren einen Teil der vorher erkämpften
Lohnsteigerung, weil sie ihn zu einer besseren Lebenshaltung verwendet hatten.
by) Es geht wohl zu weit, wenn Roscher, an Derartiges denkend, sagt: die Be—
stimmung der Lohnhöhe hänge jo in einem Hauptmoment von den arbeitenden Klassen
selbst abß Wenigstens dürfen wir nicht in pharisäischer Weise jeder Arbeiterklasse mit
aiedrigen Löhnen sagen, fie sei selbst schuld daran.
Wenn die Löhne teils schon früher in gewifsen Industrien, allgemein aber von
1850—1900 erheblich steigen, so lagen die Ursachen hievon teilweise in großen all—
gemeinen Wirtschaftsänderungen und Konjunkturen, die dem Arbeiter im ganzen
günstig waren, teils allerdings in der inneren Hebung der unteren Klafssen,
die wir in erster Linie auf die Verbesserung unserer gesamten politischen und socialen
Institutionen zurückführen. Wir können beide Ursachenreihen hier nicht erschöpfen: nur
ein paar Worte seien über jede gesagt.
Die Wunder der modernen Technik, des heutigen Verkehrs, die Ausbildung des
Welthandels, der Großindustrie schufen in den vorangeschrittenften Ländern seit 1840
ꝛine rasch wachsende Produktivität der ganzen Volkswirtschaft, einen so gestiegenen
Wohlstand, daß trotz aller Schwankungen und Krisen die Gesamtnachfrage nach Arbeit
stärker stieg als das Angebot. Und dazu kam ein Weiteres: die Bewegung der Lebens—
mittelpreise und des Geldwertes. Ihre Veränderungen beeinflussen bei zunächst gleich⸗
bleibendem Nominallohn in sehr starker Weise den Reallohn: ungünstige Veränderung
schmälert ihn, günstige vermehrt ihn leicht.
Der Arbeiter giebt 410—70 *0 seines Lohnes für Lebensmittel aus; hoher Preis
derselben vermindert also seinen Reallohn, niedriger erhöht ihn. Ein dauerndes Preis—
tteigen von Brot und Fleisch muß den Arbeiter schädigen, wie es 1780-1815, 1880
ois 1860 geschah; der Arbeiter muß, wenn in solcher Zeit seine Lebenshaltung nicht
herabgedrückt werden soll, in einen energischen Kampf für höheren Lohn eintreten; der
Sieg wird ihm leichter gelinagen, wenn zualeich die Nachfrage nach Arbeit stark zumimmt