779) Die wirtschaftshistorische Entstehung der Armut. 321
standenen Sitten der gegenseitigen Unterstützung haben sich auch auf die kleinen
agrarischen Gemeinden und Genossenschaften der Folgezeit sowie auf die Grundherrschaften
als vergrößerte Familien, dann auch auf die Gilden und Zünfte als die Nachbildungen
der Gentilverbände, endlich auch da und dort auf kleinere Stämme und primitive
Staatsgebilde bis auf einen gewissen Grad übertragen. Das gemeinsame Grundeigentum,
wie die theokratische Vorstellung von einem Eigentum Gottes, das allen — also auch
den Armen — zu gute kommen müsse, die religiösen Vorschriften über Armenunterstützung,
wie sie bei den höheren Rassen schon in den Zeiten einfachen nomadischen und agrarischen
Lebens sich ausbilden, sind mit eine Folge der damaligen Geschlechtsverfassung, ihrer
Gefühle und Vorstellungen, ihrer ganzen socialen Einrichtungen.
Dabei ist aber nicht zu vergessen, daß es nur innerhalb der Familien und kleinen
Verbände eine Unterstützung in Krankheit und Not gab und zwar meist um den Preis
gänzlicher Unter- oder Einordnung der einzelnen in sie. Immer lösten sich viele
einzelne aus Familie und Verband ab oder wurden ausgestoßen, ganze Abteilungen
wurden immer wieder, wie im ver sacrum der Römer, hinausgeschickt, sich selbst eine
Eristenz zu erkämpfen oder unterzugehen. Und die größeren, höher entwickelten Gemein—
schaften, die Gemeinde- oder Kantonstaaten, noch mehr die größeren Staaten, wenn sie
eine oder mehrere Millionen Seelen umfaßten, waren nicht mehr von gleich starken
Gemeingefühlen beherrscht, hatten weder die Mittel noch die Einrichtungen, für die
nicht von den Ihrigen unterstützten Armen, Kranken, Alten, Verwitweten, Waisen und
Arbeitslosen zu sorgen. So entstand in dem Maße, wie die Gemeinwesen größer und
komplizierter wurden, wie die alte patriarchalische Familie, die alten kleinen Verbände
sich lockerten und auflösten, wie die Naturalwirtschaft zurücktrat, und die Geldwirtschaft
äegte, die Klassengegensätze stiegen, und die Bevölkerung wuchs, ohne daß sofort die
ntsprechenden technischen und organisat orischen Fortschritte der Volkswirtschaft und der
Staatsverfassung das Wachstum begleiteten, ein Massenelend, das uns im Altertum
wie in der neueren historischen Enlwickelung in bestimmten Staaten und Zeiten fast
erschreckend entgegentritt. Wo es solchen Umfang erreicht hat und zum allgemeinen
Bewußtsein gekommen ist, da ist von Armut im heutigen Sinne die Rede; das heißt,
da giebt es zahlreiche Menschen, welche sich weder selbst mehr erhalten können, noch
don ihren Verwandien und nächsten Genoffen unterhalten werden, da fühlen sich die
Armen als Klasse, als Stand durch die bewußte Gemeinfsamkeit ihres Elends. Da
entsteht das Problem, fie unschädlich zu machen, und zu unterftützen, und in irgend
velcher Form tritt die Forderung hierzu an die Wohlhabenden, an die Organe der
dirche, der Gemeinde, des Staates herau fur die Bettelnden zu sorgen, sie ohne Gegen—
leistung zu unlerstutzen.
Die Armut ist ohne Zweifel in den größeren reich gewordenen antiken Staaten
nach dem Siege individuguüstischer Wirtschaftsinftitutionen noch viel größer gewesen
als in den neueren vom 14. Jahrhundert an bis in die erste Hälfte des 19. Man
hatte im Allertum noch nicht die Gegengewichte und Einrichtungen, wie sie in den
letzten Jahrhunderten sich enlwickelten.
Freilich, wo ein solches Massenelend als Klassenerscheinung auftrat, mußten nach
und nach Gegenbewegungen entstehen. Es erwuchs erst in kleineren, daun in weiteren
streisen das Mitleid; es entstanden Versuche aller Art, der Not zu steuern. Wir sehen
. B. in Athen Ansätze zu einer Armenpflege für die Vollbürger, wir sehen in vielen
antiken Städten die Kolonifation sich mit der Fürsorge für die ärmeren Bürger ver—
binden; wir sehen die römischen Aristokraten und den Prinzipat geschäftig, für billiges
Brot oder gar für kostenlose Ernährung der Armen, wenigstens in den Hauptstädten,
zu sorgen. Am tiefsten aber hat das Christentum die Pflicht der Armenunterstützung
erfaßt; es hat in den Zeiten der fich auflösenden egoistischen antiken Welt mit der
zanzen Wucht feiner fittlichen Überzeugung diese Pflicht gepredigt und sie auch in den
ersten kleinen Christengemeinden praktisch in glücklicher Weise durch die Diakonenthätigkeit
durchgeführt. Nachdem freilich das Christentum Staatsreligion geworden war, hab es
war mit Energie an dem Gedanken, für die Armen zu sorgen, festgehalten; es wurde
Sclmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. I1 126 Aufl