Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

811] Die Notwendigkeit der Unfall-, Invaliden- und Altersversicherung. 358 
Familie verwendbar. Aber es fragt sich, wie weit das geht, und inwieweit die Familien 
die Last und den Unterhalt solcher Leute ertragen können. 
Ein Jahrtausende währender Erziehungsprozeß hat die Pflicht den Kindern ein— 
geschärft, für die alten Eltern und Verwandten zu sorgen. In der patriarchalischen 
Familienwirtschaft, zumal auf dem Lande, geschieht heute noch vieles in dieser Richtung, 
nicht bloß für die Verwandten, sondern auch für Dienstboten. Der arbeitsschwach ge— 
wordene Bauer erhält vielfach noch von seinem Sohne, der den Hof übernimmt, den 
Altenteil, d. h. Wohnung und die notwendigen Naturalien. Der schwächer werdende 
alte Handwerker, Kleinhändler, Kaufmann, dem ein kräftiger Sohn zur Seite steht, kann 
oft noch lange im Geschäfte scheinbar seine Rolle ausfüllen; oft freilich zu dessen 
Schaden und nicht ohne harte Reibungen. Aber allerwärts wird die derartige Ver— 
sorgung der Alten schwieriger, zumal in der Stadt, in der verkleinerten Famillenwirt— 
schaft, bei den Unbemittelteren. Mit dem Siege der Geldwirtschaft, der heutigen Frei— 
zügigkeit und Beweglichkeit, der heutigen Lockerung der Familienbande, heißt es möglichst 
sür jeden einzelnen, so viel erwerben, so viel sichern, daß er im Falle dauernder 
Arbeitsunfähigkeit und im Alter auf sich stehen kann. 
Aller Eigentumserwerb, jedes Sparkassenbuch giebt nun eine gewisse Sicherheit für 
Alter und Invalidität. Und wo kleinbürgerliche Verhältnisse vorherrschen, wo die 
Arbeiter sehr sparsam find, wo leicht mit dem ersparten Kapital ein Haͤuschen, ein 
Fleck Ackerland, eine kleine Schankwirtschaft, eine Hökerei zu erwerben ist, da mögen 
nanche Arbeiter mit einem kleinen Kapital in der Hand sich so im Alter leidlich 
stellen, auch damit gut für ihre Kinder sorgen, wie wir einleitend es schon bemerkten. 
Dies hat man besonders in Frankreich betont und gegen die Altersversicherung an⸗ 
geführt, von Thiers im Jahre 1848 bis zu Cheysson im Jahre 1902. Aber es 
ist dagegen zu sagen, daß solche Altersversorgung, je größer der Arbeiterstand wird, 
desto weniger zureicht, daß auch leicht der Arbeiter, der ein Häuschen, ein kleines Ge— 
schäft kauft, dabei übel fährt, sein Eigentum aufs Spiel setzt, dem Geschäft nicht recht 
vorstehen kann. Das spricht auch gegen alle Altersversicherung der Lohnarbeiler auf 
ein festes Kapital, statt auf eine Renie, die nicht verloren gehen kann, die den noch 
möglichen kleinen Verdienst des Invaliden ergänzi. Die Invaliden- und Altersversiche⸗ 
rung mit dem Anspruch auf eine lebenslängliche Rente wurde daher 1888 — 1900 immer 
»ringlicher in den entwickelisten Kulturstaalen angestrebt. — Ohne eine solche sind die 
invaliden und alten Arbeiter der Armenkasse verfallen, wie man in England und ander—⸗ 
wärts sfieht. 
. „AUber leicht durchzuführen ist sie nicht; sie begegnet größeren Schwierigkeiten als 
die Kranken⸗, Sterbegeld- und Unfallversicherung. Die jungen Arbeiter vor der Zeit 
der Verheiratung, welche am ehesten Verficherungsbeiträge für fie zahlen könnten, sehen 
die Zeit der Invalidität und des Alters als eine so ferne vor sich, daß sie kein Opfer 
für sie bringen wollen; auch fpäter sind nur die wenigften freiwillig dazu zu bringen; 
in den ersten 8—15 Jahren ber Ehe kämpfen sie mit mehreren kleinen Kindern den 
schwierigsten Kampf ums Dasein; versichern sie sich erst vom 40. Jahre an, so wird die 
Sache zu teuer. Eine bloße Altersversicherung, die eine Rente jedenfalls erst vom 63. 
oder 70. Jahre an giebt, nützt nichts und lockt nicht. Sehr viele Arbeiter erreichen dieses 
Alter gar nicht; die meisten haben vorher schon etne geschwächte Arbeitskraft, brauchen 
eine Invalidenrente für eine frühere Zeit. Nur ein Zwang zur Versicherung, wie ihn 
erst die Bergwerke, dann die Eisenbahnen und andere große Geschäfte fur ihre Arbeiter, 
neuerdings die Staatsgewalt in Deutschland für alle übte, hat zu brauchbaren Resul— 
taten geführt. Aber sie waren nur unter Überwindung großer Schwierigkeiten und 
Widerflände zu erreichen. Die große Zahl der Personen und hohe Kosten erschweren 
das Werk, auch wenn man die Renten sehr mäßig ansetzt. Bödiker meinte schon im 
Anfange des deutschen Versicherungsplanes, die Unfallversicherung werde 1, die Kranken— 
versicherung 8, die Invalidenversicherung 50/0 der Löhne kosten. Fur die Zeit der 
vollen Durchführung schätzte man schon 1888 —1889 die jährlichen Kosten auf 237 Mill. 
Mark, also 60 60 Min. höher als das ganze öffentliche deutsche Armenwesen. Die 
Schmoller. Grundriß der Volkswirtschaftslehre. I. 1.26. Aufl. 22
	        
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