388 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 846
Arbeit, sondern eben die Beschaffung von Arbeitsgelegenheit das treibende Motiv ist.
Befondere Kredite sind dafür nötig; meist werden solche Arbeiten in Regie ausgeführt
werden. Viele Arten von Arbeiten sind hiersür nicht vorhanden; immer wieder handelt
es sich um Schotterherstellung, Erdarbeiten, Holzzerkleinerung, Schneeschippen, Straßen⸗
reinigung u. s. w. Die aufzuwendenden Kosten sind häufig doppelt oder mehrfach so
hoch, als wenn man dieselbe Arbeit durch Unternehmer und gewöhnliche freie Arbeiter
ausführen läßt. Das erklärt sich schon dadurch, daß eine große Zahl minderwertiger,
alter, schwächlicher Arbeiter dabei thätig, daß eine starke, energische Aufsicht nötig
ist. Die Bezahlung muß so eingerichtet werden, daß die Leute noch leben können, aber
doch alle Ursache haben, sich wieder nach freier Arbeit umzusehen. Allerlei kompli—
sierte Vorschriften über die Ausführung solcher Notstandsarbeiten sind in den letzten
Jahren erlassen worden. Von einer großen Zahl deutscher Kommunen werden als
Höchstzahlen der so im Winter Beschäftigten je 100 —1400 Personen angegeben.
Außerdem können nun aber die öffentlichen Gewalten in mancherlei Weise —
ohne in den freien Arbeitsmarkt direkt einzugreifen — auf gleichmäßigere Beschäftigung
hinwirken; so, indem sie durch Beispiel und Rat es dahin zu bringen suchen, daß in
den Zeiten der Arbeitslosigkeit eher die Arbeitsschichten gekürzt, als Leute entlassen
werden, daß die Beschäftigung fremder Arbeiter, ohne verboten zu werden (die fremden
find häufig die fähigeren Arbeiter), doch vorübergehend eingeschränkt wird. Sie können
suchen, die Lehrlingszüchterei in den Gewerben, wo sie stattfindet, zu hemmen; dann
können sie möglichst, wo es geht, auf längere Verträge überhaupt hinarbeiten. Es
kann die Frage entstehen, ob sie nicht eine weitere Verbreitung der musterhaften Fabrik—
einrichtung mancher Großbetriebe fördern können, welche dahin geht, den zeitweise ent—
sassenen Arbeitern im Winter für eine Anzahl Wochen Halblöhne zu zahlen; für diese
Zahlung werden teilweise vorher, teilweise später kleine Abzüge gemacht. Schanz führt
zinige gelungene Beispiele dieser Art an; es giebt noch weitere. Es ist ferner über—
haupt eine aufzuwerfende Frage, ob die großen Geschäfte eine unbedingte Freiheit
der Vermehrung und Verminderung ihrer Arbeitsstellen haben sollen.
Wenigstens wenn man zu einer Arbeitslosenversicherung käme, könnte man bei Zunahme
der Beschäftigten, welche um gewisse Prozente die bisherige Durchschnittszahl in be—
stimmter Zeit übersteigt, besondere höhere Beiträge fordern und so indirekt auf gleich—
mäßige Beschäftigung hinwirken.
Auch auf die bisherige Art der Saisonarbeit müßte und könnte wohl einschränkend
eingewirkt werden. Bei der Mode-, Luxus-, Konfektions⸗-, Kinderspielwarenindustrie ist
sie doch wohl hauptfächlich Folge der Handelsgewohnheiten, die durch Verabredung der
Firmen nach und nach umzubilden wären. Teilweife ist auch heute noch Füllarbeit für die
Zeit der toten Saison möglich: die Pariser Arbeiterinnen der Konfektion finden fast alle
in den toten zwei Perioden durch die Maßgeschäfte Beschäftigung, welche ihrerseits ihre
Hauptarbeit hinter sich haben, wenn die Konfektion wieder thätig wird (Bericht des
Musée social). Viele Berliner Maler sind im Winter als Musiker thätig. Die
Bauarbeiter gehen noch in großer Zahl im Winter aufs Land, wohnen in den
Dörfern, was man befördern, nicht durch falsche Maßregeln beseitigen muß. Hat man
ünftig in jeder Stadt ein Arbeitsnachweisamt und eine gute Statistik der Arbeits—
beschäftigung, so hat man auch die Grundlage, in diese Dinge richtig mit Rat, mit
Vorschlägen, mit Verhandlungen einzugreifen.
8) Das Wichtigste bleibt zunächst in der Gegenwart die Sorge für eine bessere
Arbeitsvermittelung. Natürlich war es stets und wird es auch künstig Sache der ein—
jelnen Personen, die Stellen suchen, sowie der Arbeitgeber, welche Arbeitskräfte brauchen,
bleiben, sich darnach umzuthun. Aber so lange früher der Arbeitsmarkt ganz überwiegend
zin kleiner und lokaler war, gelang es der freien Thätigkeit, der persönlichen Bekannt—
schaft viel leichter, die Stellen zu finden und zu besegen. In der Gemeinde kannte
sich jedermann; Wanderungen kamen fast nur auf 1.28 Meilen ins nächste Dorf, in
die nächste Stadt vor. Soweit es etwa nötig war, hielt man im Frühjahr und Herbst
einen Gesindemarkt ab. Als die Handwerksgesellen zu wandern begannen, und die Zunft-