8565) Neuere Koalitionsgesetzgebung. Englische Gewerkvereine. 397.
auch wenig benutzt; immer sind die registrierten Arbeitersyndikate von 1006 im Jahre
1890 auf 3287 im Jahre 1900 gewachsen. Beide Gesetze sind gewiß nicht vollkommen,
sind schwierig hergestellte Kompromisse zwischen socialistischen und gewerkschaftlichen
Tendenzen einerseits und berechtigter staatlicher Polizei und übertriebener Bourgeois—
angst andererseits. Die lehrreichen Kämpfe um sie zeigen, wie schwierig hier der richtige
niltlere Weg zwischen den vorhandenen Interessengegensätzen zu finden ist.
Aber der Weg muß um jeden Preis gefunden werden; er ist die Vorausfetzung
einer gesunden Entwickelung der Gewerkvereine. In Deutschland sind im Reichstage
und in der Litteratur immer wieder Vorschläge für ein ähnliches deutsches Gesetz gemacht
worden. Die Furcht, damit die Socialdemokratie zu fördern, die Abneigung der
Großindustrie gegen alle Gewerkvereine hat bis jetzt es leider gehindert, daß die
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einftellungen und Vereinsbildungen werden dadurch natürlich nicht an sich gehemmt,
sondern nur da und dort etwas erschwert, im übrigen einem ungeordneten, wilden
Wachstum überliefert. —
Blicken wir jetzt auf das Wachstum der Gewerkvereine in den verschiedenen
Ländern, so sehen wir, daß neben der Gesetzgebung der Grad moderner Wirtschafts⸗
entwickelung, der Volkscharakter und der Geist der Verfafsung und Verwaltung des
dandes, die konkrete Art der socialen Klafsenbildung und der socialen Parteientwickelung,
sowie die wechselnden Konjunkturen die Zunahme der Vereine und ihre besonderen
Phystognomien bestimmt haben.
Ihre höchste und beste Ausbildung haben die Gewerkvereine in England erreicht,
wo ihre Anfänge ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Es waren dort zunächst die ge—
lernten Arbeiter der Tuch- und anderer Hausindustrien, welche zu Klubs und Ver—
chwörungen sich zusammenschlossen, vielfach gewaltsam für ihr altes Arbeitsrecht und
zessere Loͤhne kämpften. Mit dem Siege der Großindustrie traten die Arbeiter der
Maschinen-, Textil-, Eisen-, Bergwerksindustrie an die Spitze der Bewegung. Haupt⸗
ächlich in den großen geschäftlichen Aufschwungsperioden 1860—67, 1860 - 78, 1888-91,
1895 1900 gelingt es ihnen nach und nach, die Hunderte von lokalen, bisher selbständigen
Vereinen von je 30—800 Arbeitern zu großen, einheitlichen, provinziellen oder nationalen
Unionen der Berufsgenossen zusammenzufassen. Die älteren Vereine, wie sie bis 1890
sich entwickelten, nehmen nur ktüchtige Leute, teilweise nur die, welche eine bestimmte
dehrzeit durchgemacht, oder welche einen bestimmten höheren Durchschnittslohn verdienen,
auf; sie umfassen die besten Arbeiter des Berufes. Unionen von über 10000 Arbeitern
gab es 1900 28, von über 50000 5. Der Schwerpunkt ihrer demokratischen Verfassung
iegt einerseits in den örtlichen häufigen Versammlungen der Zweige, andererseits in
Delegiertenversammlungen der Gesamtheit der Zweige und in einem Exekutivausschuß
mit Generalfekretär. In Urabstimmungen wird über die wichtigsten Fragen entschieden.
Allgemeine Arbeitseinstellung setzt eine Zustimmung der Majorität aller Mitglieder,
leine partielle setzen die des Exekutivausschusses voraus. Was die Mitglieder neben der
Berufsgemeinschast und dem gemeinsfamen Kampf um die Arbeitsbedingungen verbindet,
ist das ausgebildete Hülfskassenwesen und das gesammelte Vermögen. Fünfzehn bis
dierzig Schilling Jahresbeitrag ist das gewöhnliche; doch wird je nach Bedarf oft mehr,
oft weniger erhoben. Ein Vermögen des Vereins von 20 Schilling pro Kopf ist gering,
10— 60 Schilling ist häusig; es kommt auch mehr vor. Die älteste wichtigste Unter—
stützung ist die im Falle der Arbeitslosigkeit (—12 Schilling die Woche), daneben
wird eine solche bei Arbeitseinstellungen und im Krankheitsfall gezahlt, überall ein
Begräbnisgeld, teilweise auch Alters- und Invalidenrenten. Sechzehn solcher gelernter Ge⸗
werkvereine nahmen schon 1889 bei 2552 Zweigen und 216674 Mitgliedern 10,6 Mill. Mk.
ein und gaben 7,6 Mill. Mk. aus, 1900 hatten die 100 größten Unionen 1,158 Mill.
Mitglieder und fast 40 Mill. Mk. Einnahme. Daß sie mit Arbeitseinstellungen successiv
vorsichtiger geworden seien, werfen ihnen die jüngeren ungelernten Gewerkvereine und
der Radikalismus vor. Daß sie vielfach trefflich geleitet seien und eine vorzügliche
Schule des genossenschaftlichen Geistes, der volkswirtschaftlichen Einsicht, der Zucht und