Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

839]) 2.BVerfaffuug und Politik der Gewerlvereine. 401 
und ihre Ziele sind doch einheitliche, durch die allgemeinen wirtschaftlichen Ursachen 
bedingie. Auch die Phasen ihrer Geschichte find doch vielfach ähnliche, so daß wir die 
Frage, was sie gewollt und gewirkt, geschadet und genutzt, welche Bedeutung und Be— 
rechtigung sie haben, unter welchen Bedingungen und Schranken sie auf die gesamte 
heutige Wirtschaftsorganisation mehr günstig als ungünstig gewirkt und weiter günstig 
wirken werden, in einheitlichem Zusammenhange beantworten können. 
226. Die Verfassung und Politik der Gewerkvereine, die Arbeits— 
einstellungen, Boykotts, Strafmittel der Vereine. Wenn die Koalitions— 
freiheit mit ihren Kämpfen und die ganze Bildung der Arbeiterfachvereine bis heute so 
sehr verschieden beurteilt wird, die ältere Unternehmerwelt überwiegend sie haßt und 
bekämpft, die radikale Socialdemokratie sie als Halbheit verachtet, nur die gemäßigte 
Socialreform sie verteidigt, so ist das nicht überraschend. Die Phasen der Entwickelung 
in den einzelnen Staaten haben uns schon gezeigt, wie verschieden dieselbe Institution 
sich dem unbefangenen Blicke darstellt. Wir werden das noch mehr begreifen, wenn 
wir nun die Vereinsthätigkeit, ihre Zwecke und ihre Ausschreitungen, sowie die Ver— 
fassung der Vereine untersuchen, wenn wir sehen, wie schwierig die Ausbildung gut 
organisterter und maßvoll handelnder Vereine war, wie langsam erst die Thätigkeit 
derselben sich in die bestehende Verfassung der Volkswirtschaft, in die hergebrachten 
Traditionen des Geschäftslebens ohne zu viel Reibung einfügen konnte. 
a) Die Arbeiter, welche zuerst den gemeinsamen Kampf um Lohn und Arbeits- 
bedingungen begannen, waren sicherlich nicht die am schlechtesten bezahlten, sondern die 
aufstrebenden, selbstbewußten; aber sie standen zunächst dem großen Umschwung der 
volkswirtschaftlichen Organisation, der sie von 1780 -1850, ja teilweise noch später 
bedrückte, ohne alles innere Verständnis gegenüber. Sie glaubten auf die alten Ein— 
richtungen und Löhne ein jus quaesitum zu haben, das Staat und Gefellschaft ihnen 
hartherzig weigere; allgemeine naturrechtliche und demokratische, revolutionäre und 
socialistische, überwiegend utopische Gedanken erfüllten ihren Horizont. Sie begannen 
als Verschwörer, als Teilnehmer zusammengetrommelter, demagogisch verhetzter Versamm— 
lungen. Und so setzte die Bewegung ein mit teils kürzeren, teils längeren Epochen 
der Gewaltsamkeit, der Fabrikbrände, der Morde und Attentate gegen harte Fabrikanten 
und Beamte. Dem friedliebenden Philister mußte es Grauen erregen, wenn gegen 1800 
die Fabriken in Lancashire mit Kanonen armiert wurden, wenn noch neuerdings die 
großen amerikanischen Riesenfabriken sich in den Pincertonleuten eine Art Privatregi— 
menter als Schutzwachen halten mußten. Noch heute ist da, wo die Arbeiterpartei auf 
Umsturz und Revolution spekuliert, häufig die Arbeitseinstellung nur ein Vorwand zu 
Terrorismus, der Gewerkverein häufig nur eine Vorschule zu Aufständen und Gewalt— 
akten. Selbst Brentano gibt zu, daß es bei diesen Kämpfen bis zum Bürgerkriege 
kommen könne, und der Generalsekretär der deutschen Großindustriellen rief 18900: die 
allgemeine Organisation der Arbeiter bedeutet die Herrschaft der rohen Gewalt, der 
jelbstsüchtigen Leidenschaften. 
— bs Diese Gefahren treten nur da zurück, wo ein nüchterner Volkscharakter, eine feste 
Staatsgewalt, eine gute Verwaltung einerseits, eine aufsteigende Arbeiterklasse mit wirt⸗ 
schaftlicher Schulung und Bildung andererseits den Frieden, die Einhaltung fester Schranken 
des Lohnkampfes möglich machen und garautieren. Die Flegeljahre der Arbeitseinstellungen 
und der Gewerkvereine werden am ehesten da überwunden, wo an die Stelle der heim— 
lichen Verschwörungen die öffentliche Debatte, an die Stelle plötzlich zusammenberufener 
Arbeitermassen, die stets dem beredten Demagogen verfallen, jahrelang zusammenhaltende 
Vereine mit erprobten Führern treten. 
Aber der Übergang von einem zum andern bedarf einer guten Gesetzgebung und 
gerechten Verwaltung; er vollzieht sich nur unter Kämpfen und bitteren Erfahrungen, 
die zeitweise gewiß fuͤr Staat und Volkswirtschaft bedrohlich werden können. Je kurz— 
sichtiger und egoistischer die Unternehmer, je roher, socialistisch und revolutionär ver— 
hetter, je kürzer und schlechter organisiert die Arbeitermassen sind, desto leichter bringt 
jeder Fortschriit der Koalitions- und Vereinsfreiheit zunächst thörichte, übereille Arbeite— 
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1.26. Aufl. 96
	        
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