883)] Die Einkommensverteilung der neueren Zeit. 425
naissancezeit und die modernen Großunternehmer und Bankiers des 19. Jahrhunderts als
wirtschaftliche Aristokraten emporkamen, geben uns ein Bild der historischen Einkommens—
entwickelung überhaupt. Die engeren Kreise, welche den technischen und organisatorischen
Fortschritt herbeiführen, haben erst größeres Arbeitseinkommen als die übrigen und
jammeln dann rententragendes Vermögen in steigendem Maß; sie stehen in der Vor—
hand, steigen durch Leistung und Tüchtigkeit empor, bald aber auch durch Macht und Macht—
mißbrauch, teilweise auch durch Härte, Wucher, Habsucht. Die anderen Klafssen bleiben teil—
weise zurück, können den Fortschritt nicht ebenso rasch mitmachen, werden herabgedrückt, teil—
weise durch Preiswechsel, teilweise durch veraltete und verbildete, oder auch durch un—
hvollkommene, noch nicht fertige Institutionen. Die untersten Schichten der Gesellschaft
werden, je größer zeitweise die Umwälzung ist, je stärker zunächst die Bevölkerung
wächst, desto weniger fähig sein, an dem gesteigerten Einkommen und Vermögen sofort
entsprechend teilzunehmen. Erst aus der Empfindung der so entstandenen Mißstände
heraus erwachsen Gegenbewegungen und Reformen, die aber in älterer Zeit nur ausughms—
weise Erfolg hatten. Die ganzen mittleren und unteren Klassen leiden in der Über—
gangszeit leicht daran, daß sie die wirtschaftlichen Vorzüge der führenden Elemente sich
nicht so rasch aneignen wie deren größere Ansprüche, Lasier und Fehler.
Der Verteilungsprozeß des Einkommens ruht so bei aller höheren Kultur auf
den zwei Gruppen von Ursachen, welche das Arbeitseinkommen und welche die Ver—
mögensrente beherrschen; diese Ursachen liegen stets in wirtschaftlichen Größen-⸗, Be—
darfs-, Marktverhältnisfsen einerseits, in bestimmten Institutionen anderer—
seits. Das Einkommen aus Arbeit bleibt stets der größere, wichtigere Teil; er schließt sich
an die Leistungen der Gegenwart an. Der Lohn, die Gehälter, fast aller Verdienst
der Kleinbauern, Kleinhandwerker, ein großer Teil des Unternehmergewinnes gehört
hieher. Das Einkommen aus Vermögen knuͤpft an frühere Leistungen, die der Vorfahren,
der früheren Jahre an; es ist durch Zufälle, Glück und Preiswechsel mit beeinflußt.
Die Vermögensrente ist für die meisten Besitzenden eine Zubuße, nur für eine kleine Zahl
ist sie die einzige Art des Einkommens. Ihre Verteilung kann eine sehr verschiedene,
nehr demokratische oder sehr aristokratische sein. Die Art ihrer Verteilung giebt der
ganzen Einkommensverteilung eines Volkes, einer Zeit ihre bestimmte Farbe. Aber je
höhere Stufen die sittliche und wirtschaftliche Gesamtkuliur ersteigt, desto mehr wird
sie doch von den Institutionen des Arbeitseinkommens an Bedeutung überflügelt.
In allen älteren Zeiten haben die nicht wirtschaftlichen Ursachen stärker auf die
Vermögensverteilung gewirkt; jeder erhebliche Vermögensbesitz erhob aber auch die Be—
treffenden in den Kreis der Einflußreichen, der Herrschenden. Der Vermögensbesitz wurde
als eine Verpflichtung angesehen, gemeinnützig thätig zu sein. Der heutige Vermögens—
besitz stammt zu einem größeren Teil als früher aus individueller und wirtschaftlicher
Thätigkeit; aber die Vermögenden treten nicht so unbedingt wie früher in den Kreis
der Staat und Gesellschaft Beherrschenden. Arme Minister sind heute möglich, wie
Millionäre ohne jeden öffentlichen Einfluß, jedes Ansehen. Der Vermögensbesitz wird aber
auch weniger als früher als ein Amt, als eine Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl
angesehen. Der Reiche fühlt sich mehr nur als Privatmann, der thun und lafsen kann,
was er will. Daher aber auch die geringere Neigung heute, den Reichtum zu respek—⸗
tieren.
Marx und seine Schüler meinten, alle wirtschaftliche Verteilung sei ausschließlich
vom Produktionsprozeß abhängig; J. St. Mill lehrte im Gegenteil, die Produktion
habe physikalische (naturgesetzliche) Ursachen, die Verteilung sei ein Werk menschlicher
Anordnung. Beide Behauptungen übertreiben. Die Art des Produktionsprozesses, ihre
großen Anderungen haben den größten Einfluß auf die sociale Klassenbildung, auf
die Möglichkeit für bestimmte gesellschaftliche Gruppen, die Sahne von der Milch ab—
zuschöpfen, Vermögen zu sammeln, auf die Wahrscheinlichkeit für andere Gruppen, ge—
druͤckt, bewuchert zu werden. Aber das Detail des Verteilungsprozesses wird durch
Sitte und Recht, durch allerlei Wirtschaftsinstitutionen, die auf menschlicher Anordnung
beruhen, bestimmt. Dies gilt hauptfächlich fuür den Lohn, die Gehäller, die Badienst