Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

489) Die Funktion der Börse. Die perlönliche Handelsorganisation. 31 
hren Verkehr ohne sie ab. Wie wichtig aber das häufige Sichsehen auf ihr ist, zeigt 
sich z. B. auf dem niederrheinischen Getreidemarkt, der auf der Kölner oder Duisburger 
Börse sich nicht konzentrieren kann, dafür aber in festem Turnus Woche für Woche die 
Hauptfirmen in einer anderen rheinischen Stadt versammelt. Ähnlich ist die riesige 
englische Baumwollindustrie in ihrem Gange davon abhängig, daß alle Fabrikanten 
fich Dienstag und Freitag auf, dem Markt zu Manchester sehen und sprechen. 
Die Konzentration, die Größe, die Leichtigkeit und die Raschheit, mit der an der 
Börse große, ja enorme Geschäfte durch die eigentlichen Besucher derselben, die großen 
und kleinen Geschäftsleute und deren Auftraggeber gemacht werden können, das Spiel— 
und Hazardmäßige, was in allen Geschäften über künftige Preise liegt — das bringt 
es mit sich, daß nirgends sonst so große Gewinne und so große wirtschaftliche Verluste 
vorkommen, daß leider auch der Reiz für den gewissenlosen und gewinnsüchtigen Speku— 
lanten, andere, besonders Uneingewechte zu täuschen, hier größer ist als sonst irgendwo. 
An der Börse finden die schärfsten und härtesten Konkurrenzkämpfe ftatt; sie erzeugt die 
größten Vermögen, aber sie erzieht auch die klügsten und fähigsten Geschäftsleute. 
Man muß mit allen Mitteln suchen, sie von ihren Mißbräuchen zu reinigen, die 
Laienelemente, die nicht auf sie gehören, von ihr und ihren Geschäften fern zu halten, 
aber so lange die heutige volkswirtschaftliche Verfassung, das private Eigentum am 
Kapital und der heutige Cirkulationsprozeß besteht, wird die an ihr sich abspielende 
Form des Kampfes ums Dasein nicht zu beseitigen, wohl aber zu verbessern, zu 
reinigen sein. 
155. Der Handel und die Handel sorganisation, die Teilnahme 
der übrigen Klassen am Cirkulationsprozeß. a) Der Handel von 
1500 -1850. Haben wir mit diesen Ausführungen über das neuere Marktwesen schon 
die persönliche Organisation des Handelsverkehrs da und dort gestreift, haben wir sie 
in gewissen Grundzügen oben schon bei der Arbeitsteilung dargestellt I 8115 S. 8338 
bis 337), so haben wir hier doch noch ein Bild davon zu entwerfen, wie der ganze 
Prozeß der wirtschaftlichen Gütercirkulalion fich nach und nach persönliche Organe schuf, 
wie einerseits die Händler, andererseits die übrigen Klassen der Gesellschaft, die Pro— 
duzenten und die Konsumenten, an ihm teilnehmen, in ihrer wirtschaftlichen Stellung 
hiedurch bestimmt werden. Nur so erhalten wir eine konkrete Anschauung von seinem 
Wesen, von der verschiedenen Stellung der socialen Klassen zu ihm. 
Wir sahen, daß in jener ersten oben unterschiedenen Epoche des Verkehrs, wo wenig 
und zufällig getauscht und gehaudelt wird, meist nur Fürsten und Hänptlinge ver— 
schiedener Staͤmme direkt mileinander Geschäfte machen; der Händler fehlle nod ganz 
oder fast ganz. Und auch in der zweiten oben gekennzeichneten Verkehrsepoche, lange 
nach Ausbildung des städtischen Marktes, sucht man es dahin zu bringen, daß der 
Landmann an den Städter, an den Handwerker, an alle städtischen Konsumenten, der 
Handwerker an den Bauer direkt ohne Zwischenhand verkaufe Jedes Zwischenglied 
muß für seine Arbeit ja einen Aufschlag machen, verteuert so die Ware, Ist es zu 
entbehren, so ist es eine Ersparnis. Es geht bei geringem Verkehr auf kurze Ent— 
fernungen, es geht, so lange Bauer und Handwerker sich regelmäßig und ohnedies auf 
dem städtischen Markt treffen. 
Es geht nicht mehr fuür Seltenheiten und Waren aus größerer Entfernung, die 
zuerst der fremde herumziehende Händler hauptsächlich auf die Jahrmärkte bringt, aber 
auch außerhalb desselben von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof 
ziehend verkaust. Fahrende Händler, zu Schiffe und zu Lande erst in Karawanenform, 
bald auch vereinzelt vordringend, waren überall die Pioniere des Verkehrs. Wir haben 
oben (.l S. 33485, 414-85) geschildert, wie dieser fahrende Kaufmann, durch Talent, 
Mut, Findigkeit, Welt- und Menschenkeuntnis der erste Unternehmer wurde, zu Besit 
kam, oft eine aristokratische Stellung in der Heimat, eine Herrscherstellung in der Fremde 
erwarb. Ein erheblicher Teil der Händler des Altertums und des Mitlelalters waren 
fahrende reisende Leute, die von Markt zu Markt zogen. Sie begleiteten selbst oder 
durch ihre Beauftragten (Supercargos) ihre Waren. Erst fseit dein 16. Jahrhundert
	        
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