166 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [924
liche Einheiten durch gewisse Institutionen zusammengefaßt und führen auf sie gestützt
inen kollektiven wirtschaftlichen Konkurrenzkampf mit ihren Nachbarn, mit fremden
Bolkern. Das Verhältnis von Staat und Volkswirtschaft kulminiert in der Handels—
politik. Sie halt besonders in den letzten Jahrhunderten das ganze praktische Wirt⸗
schaftsleben, wie die Schulen der Volkswirtsschaftslehre beherrjcht. Die Darlegung der
Handelspolitik wird uns im dritten Kapitel dieses Buches beschäftigen. Eine richtige
und falsche Handelspolitik, sie waren und sind Ursachen erster Ordnung für das Auf—
steigen und den Niedergang der Völker und Staaten überhaupt. — Wir beginnen mit
der Krisenlehre. —
Je tiefer der Stand der Technik und die gemeinsame gesellschaftliche Fürsorge der
organisierten Gruppen für die Individuen war, desto wechselvoller und unsicherer mußte
aile wirtschaftliche Existenz sein. Sie wurde schon durch die Übernahme gewisser Funk—
lionen auf die Geschlechter, die Stämme und Familien eine bessere, gegen Unglück und
Wechselfälle etwas gefichertere. Mit der stadt-, territorial- und volkswirtschaftlichen
Organijsation, mit ihrer Arbeitsteilung und, ihrem Verkehr traten eine Reihe der früheren
BZefahren und Übelstände noch mehr zurück.
Aber nicht bloß blieben erhebliche Schwierigkeiten, die immer für die wirtschaft⸗
liche Versorgung bestanden hatten, auch jetzt noch teilweise oder ganz bestehen, sondern
s traten neue, die in dem großen und kompligzierten gesellschaftlichen Mechanismus
lagen, hinzu. Nur ein kleiner Teil der wirtschaftlichen Fuͤrsorge konnte nach und nach
planmähig von Gemeinde, Provinz, Kirche, Korporationen aller Art und endlich vom
Slaal übernommen werden, und es fragte sich auch, soweit es geschah, ob sie ihren
Aufgaben genügten. Ein anderer Teil und zwar der größere, mußte den Familien,
später den Unternehmungen überlassen bleiben; jedes einzelne dieser Organe handelt
uͤr sich, nach seiner Einsicht, seinen Interessen und Erwerbsabsichten; das freie Spiel
von Rachfrage und Angebot auf dem Markt sollte nun, von den Preisen geleitet, die
richtige Versorgung vollziehen. Es mußte immer fraglich sein, wie weit beide Arten
bon socialen Organen richtig ineinander greifen, ob jede derselben richtig funktioniere.
die Bevolkerungsbewegung, aller Verkehr, alle Produktion, alle Konsumtion stellen
einen unendlich komplizierten Gesamtorganismus dar, in dem Tausfende und Abertausende
einzelner Glieder zwar nach gewissen einheitlichen Gesamtursachen auch gewisse über—
einstimmende, aber daneben auch notwendig verschiedene, häufig nicht harmonische,
jondern sich kreuzende Bewegungen machen. Oft wächst die Bevölkerung und nicht
benso rasch die Produktion und der Verkehr. Die Arbeitsteilung nimmt zu, aber nicht
ebenfo rasch die gesellschaftlichen Formen, die ihr glattes Funktionieren gestatten. Es
ändert sich hier die Technik und auf anderen Gebieten nicht. Kurz wo wir hinblicken,
nüssen leicht gewisse Inkongruenzen entstehen. Ihre Wiederbeseitigung macht eben den
gangen Inhalt des gesellschaftlichen Lebens aus. Es wäre unbegreiflich, wenn dem nicht
so wäre. Schon das Wachstum jedes organischen Wesens zeigt ähnliche Inkongruenzen,
die dann als Stockungen, Unbehagen, Krankheit gefühlt, durch die hierauf folgenden
Reaktionen nach und nach wieder beseitigt werden.
Rur wenn das ganze wirtschaftliche Leben stabil wäre, wenn es nicht mit wach⸗
jender Menschenzahl, mit immer neuen Organisationsformen, neuen Bedürfnissen und
neuer Technik zu thun hätte, wäre es denkbar, daß Sidrungen und Schwankungen auf—
jörten oder ganz zurückträten. Die ältere abstrakte Volkswirtschaftslehre hat freilich
hielsach mit der flillschweigenden aber schiefen Annahme einer solchen Stabilität gerechnet,
die steten historischen Umbildungsprozesse wenigstens nicht richtig gewürdigt.
Wir greifen zunächst einige der elementarsten Ursachen, welche gleichsam von außen
— — sie vorweg zu erledigen. Erst dann wollen wir
die Schwierigkeiten auseinandersetzen, die bei komplizierter Arbeitsteilung die stete An—
passung der Produktion an die Konsumtion hindern (8 288), sowie weiterhin erortern,
wie Geld und Kredit auf Markt- und Preisverhältnisse wirken, wie hierdurch falsche
Preisbildungen entstehen, durch massenpfychologische Ursachen gesteigert werden (8 289).
Damit kommen wir umn Begriff der neucren wirtschaftlichen Krisen, deren typischen