Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

478 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. —[1936 
Die württembergischen Konkurse z. B. waren 1888/36 bis 1847/48 von 1200 auf 4000, 
zu Anfang der fünfziger Jahre auf 8000 gestiegen. Dabei mögen einzelne Klassen der 
Gesellschaft noch so sehr von der allgemeinen Stockung unberührt bleiben, es mag sogar 
bei den niedrigen Preisen der Konsum von manchen Waren steigen, das Gefühl der 
Depression ist doch ein ziemlich allgemeines, alles spart, nur wenige wollen etwas 
wagen. Der ganze Zustand ist, wie wir eben sahen, nicht bloß ein wirftschaftlicher, 
iondern wesentlich auch ein massenpfychischer; nicht bloß Einsicht, sondern auch all⸗ 
gemeine Gefühle beherrschen ihn, und sie können sehr übertrieben sein; sie ändern sich meist 
nur sehr langsam, um so langsamer, je größer die vorausgegangene Katastrophe war. 
b. Aber zuletzt nach 2, 4, 6 Jahren ist sie doch von der Masse vergessen. Jetzt 
endlich wirkt der niedrige Zinsfuß zur Anlage des vorhandenen, massenweise angesam— 
melten Leihkapitals, jetzt wirken die niedrigen Preise der Konsumgüter wieder auf ver— 
mehrten Verbrauch. Die vorhandenen Geschäftseinrichtungen werden nun wieder voll 
ausgenützt. Der Geschäftsgeist belebt sich, die Hausse in ihrem ersten Stadium hat 
begonnen. Kommen dazu nun anregende äußere Momente, glückliche technische Neue— 
rungen, Verkehrsverbesserungen, der Aufschluß neuer Märkte, große politische Ereignisse, 
welche die Nachfrage beleben, siegreiche Kriege, Kolonieerwerbungen, große innere Neu— 
gestaltung in Verfassung, Gesetzgebung, Verwaltung, so werden vollends sichtlich die 
vorhandenen schlummernden Kräaͤste ausgelöst. Das zweite Stadium der Hausse charak— 
terifiert sich nun durch Neugründung von Geschäften, Fabriken, Eisenbahnen, Banken 
wie durch Erweiterung der bestehenden. Dieser Aufschwung geht meist von bestimmten 
Geschäftszweigen aus; das eine Mal ist es die Textilindustrie, das andere Mal die 
Bauthätigkeit in den großen Städten; bald ist es das Bankwesen, bald find es die 
Eisenbahnen. Je mehr die moderne Industrie vor allem der Kohlen, des Eisens, der 
Maschinen bedurfte, desto mehr haben sich diese Industrien der wichtigsten Produktions— 
mittel (wie erwähnt) an die Spitze der Bewegung gestellt, Arbeit und Kapital an sich 
gezogen, sich rasch ausgedehnt. Ihre Gewinne, die höheren Löhne, die steigenden Preise dehnen 
sich dann aber successiv in immer größeren Wellenkreisen auf die übrige Volkswirtschaft 
aus, sie erhält im ganzen das Gefühl des Wachstums, der Blüte, wenn auch einzelne 
Teile leidend bleiben, über Arbeiterentziehung, über Erschwerung der Kapitalbeschaffung 
klagen. Die Preife sind noch nicht anormal hoch; der allgemeine Konsum kann steigen; 
die Leute geben mehr aus, der Luxus wächst. Die Ehe- und Geburktenfrequenz steigt, 
die Zahl der Verbrechen und Vergehen nimmt ab, in Württemberg z. B. 1882-1857 
von jährlich 23 000 auf 16000, ebenso die Zahl der Konkurse; die vorhin erwähnten 
jährlichen 8000 sind Ende des Jahrzehntes auf 800 reduziert. Die Sparkassen füllen 
sich; der Verkehr und der Export steigen, ist oft kaum mehr zu bewältigen. Der eng— 
lische Export z. B., der 1740 — 1780 stabil gewesen, steigt von 1780 — 1815 von 12 
auf 60 Mill. M; der zollvereinsländische war 1833 —1840 von 480 auf 550 Mill. Mk. 
gewachsen, blieb dann 1840 -1852 unverändert, stieg 1852 bis 1857 aufs Doppelte; 
der deutsche Import und Export stieg 1868 —-1872 von ca. 3000 auf 6000 Mill. Mk., 
um dann wieder bis 1886 ziemlich unverändert zu bleiben; in der letzten Hausseperiode 
1895 —-1900 stieg er von 8200 auf 11500. Der Glaube an die günstige Konjunktur, an das 
weitere Steigen oder Festbleiben der Preise und der hohen Geschäftsgewinne wird um 
so allgemeiner, je länger keine Ernüchterung kommt; man fühlt sich in sicherer Vor— 
wärtsbewegung. Immer tritt mit der Zeit nun aber der schlimme Umstand ein, daß 
an die Stelle der führenden klaren Einsicht vage Gefühle, unklare Hoffnungen und 
Täuschungen treten. Statt zu merken, daß das Leihkapital erschöpft ist, daß die steigen— 
den Preise den Konsum da und dort schon beengen, hofft die Menge auf weiteres 
Steigen der Preise, der Aktienkurse, der Dividenden. Es wird weiter gegründet, der 
Kredit dazu wird überspannt; die am raschesten vorangeschrittenen Industrien kommen 
bereits in die Lage, mehr anzubieten, als gesucht zu werden. Man zieht den aus— 
ländischen Kredit herbei, stapell Waren künstlich auf, um die Preise zu halten. Weit— 
sichtige Kartellleitungen suchen in diesem Stadium bereits die Preise auf mittlerem 
Niveau zu halten: die übrige Menge der Geschäftsleute will gewinnen, so lange es
	        
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