488 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. 946
messen. Die Enquete des Vereins für Socialpolitik über die neueste Krise wird weiteres
Licht in dieser Richtung bringen. Unsere obige Darstellung der Krise beruht auf dieser
ganzen neuen Litteratur. Sie wird uns auch befähigen, ein vorläufig abschließendes
Gesamturteil nun abzugeben.
243. Zusammenfassendes Urteil. Arten der wirtschaftlichen
Schwankungen und Stockungen, der Krisen. Wir haben anzuknüpfen an
die einleitenden Bemerkungen in 8 288: Jeder volkswirtschaftliche Körper (und je größer
und komplizierter er ist, desto mehr) muß Stockungen, Schwankungen, Übergangszeiten,
Blüte- und Rückgangsepochen haben, denn er ist, wie alles organische Leben dem
Wachstum, dem Leben und Sterben unterworfen. Aber wir werben jetzt hinzufügen
können: diese Schwankungen werden im Laufe der volkswirtschaftlichen Entwickelung
nach Größe und Art sich ganz wesentlich geändert haben. Die Ursachen dieser Anderungen
und den typischen Verlauf derselben gilt es zu erkennen.
Die Schwankungen mußten bei primitiver Technik, geringer Beherrschung der
Natur, großen Erntewechseln, bei wenig ausgebildeter socialer Organisation, bei dem
Leben in Stämmen und Kleinstaaten, die sich ewig befehdeten, an sich viel größer sein
als später. Die territoriale und die Volkswirtschaft, die Verbindung vieler Volks—
wirtschaften zur Weltwirtschaft, die damit gegebene Arbeitsteilung mit wachsendem Ver—⸗
kehr, mit langen Friedensepochen, sie schuüfen einen durch Naturursachen, Krieg und
Seuchen viel weniger bedrohten Zustand, aber zugleich die Störungen im Mechanismus
der Cirkulation der Güter; und diese mußten zunächst mit der Größe der Märkte
wachsen; nur die vollendetste Organisation des socialen Mechanismus, der das inter—⸗
nationale Zusammenwirken reguliert, kann nach und nach wieder mehr Herr über die
Störungen werden. — So überblicken wir heute die notwendige Entwickelung der
Störungen, ihre Verschiedenheit, ihre weit auseinander liegenden Ursachen. Wir haben
das Bedürfnis nicht mehr, alle diefe Stockungen und Krankheiten und alle ihre Phasen
gleichmäßig mit dem Worte „Krise“ zu bezeichnen.
Zunächst scheint es jedenfalls zweckmäßig, zwei große länger dauernde Gruppen
von wirtschaftlichen Gesamterscheinungen, die man oft auch als Krisen bezeichnet hat,
von den periodischen Auf- und Abwärtsbewegungen zu scheiden, wie sie als typisch in
8240 geschildert find. Wir meinen erstens die Jahrhunderte umfaffenden Aufschwungs⸗
und Niedergangsperioden der Völker und ihrer Volkswirtschaft überhaupt und zweitens
die kritischen Umbildungsprozesse der Verfassung ihrer Volkswirtschaft und ihrer Stellung
nach außen, die meist auch Jahrzehnte, oft noch länger dauern.
Die erstere Erscheinung haben wir in der Blüte und dem Verfall der antiken und
einzelner moderner Völker vor uns; der Niedergang kann auch ein vorübergehender
sein, wie der von Italien und Deutschland vom 16. Jahrhundert an. Wirtschaftliche
Ursachen stehen sicher dabei im Vordergrunde; fie können zum Teil ähnliche sein, wie
bei den heutigen modernen Produktionskrisen. Im ganzen handelt es sich aber um
etwas Anderes, viel Allgemeineres. Die heutigen Produktionskrisen sind hauptsächlich
Wachstumsfieber der modernen, reich werdenden Staaten; fie sind auch bei niedergehen⸗
den Völkern nicht ausgeschlossen, werden da aber doch einen anderen Charakter haben.
Die Untersuchung wird unklar und verwirrt, wenn man, wie es die älteren Socialisten,
hauptsächlich Marx, thaten, die heutigen Krisen gar nicht für sich, sondern nur als
ein Symptom der steigenden Degeneration unserer Kulturepoche, unserer ganzen volks⸗
wirtschaftlichen Verfassung betrachtet. Auch Tugans im ganzen so gutes Buch leidet
daran, daß er mehr den volkswirtschaftlichen Niedergang Englands durch die Anarchie
des Kapitalismus beweisen, als die englischen Krisen für sich erkennen will.
Die zweite erwähnte Erscheinung haben wir oben 8288 für sich betrachtet: die
inneren Umwandlungen in der Verfassung der Volkswirtschaft und die veränderten Macht—
und Wirtschaftsbeziehungen nach außen.“ Es sind Teilerscheinungen der oben betrachteten
großen Auf- und Niedergangsbewegungen Sie zeigen ihre Schärfe dann, wenn sie
mit Produktions-, Kredit⸗ Geldkrisen zusammentreffen und steigern diese. Aber sie sind
etwas für sich Bestehendes, und man follle sie lieben als volkowirtichaftliche Verfassungs⸗