Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

953) Kartell⸗ und Regierungspolitik gegenüber den Krisen. 495 
der Hausse da und dort durch hausindustrielle Reglements gehindert, jedenfalls in der 
Baisse gegen Arbeiterentlassung und für Warenabsatz gesorgt. Der Überspekulation der 
1840er Jahre trat der preußische Finanzminister noch mit energischen kalten Wasserstrahlen 
entgegen. Später siegte auch in Preußen das Laisser-faire wie anderwärts. Wer an 
die Nichtexistenz der Uberproduktion glaubte, durfte ja auch nichts thun. Delbrück er— 
klärte als Reichsstaatssekretär im Höhepunkt des Schwindels 1878, der Staat könne 
die Leute, die ihr Geld los sein wollten, doch nicht daran hindern, und Camphaufen 
meinte, als er zur selben Zeit überflüssige Millionen Staatsgelder an die Seehandlung 
zu minimalem Zins gab und damit die Hausse weiter steigerte, das Geheimnis der 
Finanzen sei, keine Zinsen zu verlieren. Die ganze Überproduktion der Jahre 1870 
—1873 wurde in Deutschland durch die ungeschickte Übertragung der frauzösischen 
Milliarden Kriegskosten nach Deutschland, die unzeitige zu rasche Kuündigung von 
Staatsanleihen und die maßlos gehäuften Staatsaufträge sehr gesteigert. 
Heute haben wir in der Kommunal- wie in der Staatsverwaltung eine richtigere 
Einsicht in das Wesen der Krisen, und man handelt dementsprechend richtiger. Über die 
Thätigkeit der Kommune in Bezug auf Arbeitsnachweis, Arbeitsverschiebung, Notstands⸗ 
arbeiten, Arbeitslosenversicherung haben wir oben (8 224) gesprochen und brauchen das 
dort Gesagte nicht zu wiederholen. Auch was die Staatsbehörden in Bezug auf die 
zeitliche Verteilung ihrer großen Aufträge und Bauten zu thun haben, daß sie sie 
möglichst in die Depressionszeiten zu verlegen haben, wurde dort besprochen und er—⸗ 
wähnt, wie die deutsche Marine-, die preußische Eisenbahnverwaltung jetzt das beherzigen. 
Im übrigen wird in Bezug auf den Staat zu unterscheiden sein, was er im Höhepunkt 
der Krise, und was er im ganzen für deren Fernhaltung thun könne. 
Ist die Krise vor der Thüre oder ausgebrochen, so darf der Staat nicht etwa 
künstlich im Spekulanteninteresse die hohen Preise und Kurse halten wollen, die Über— 
produktion dadurch weiter fördern, die übertriebene Bauspekulation durchfüttern; er dars 
nicht unsolide große Geschäfte, deren Fall im Interesse der Moral und des Marktes 
notwendig ist, halten. Die leitenden Staatsmänner, der Chef der Centralnotenbank 
müssen sich klar sein, daß der Umschwung der Preise nötig und zur Gesundung der 
Volkswirtschast unentbehrlich sei. Wenn zu viel produziert, zu wenig konsumiert wird, 
so ist die Einschränkung der Produktion, die Steigerung der Nachfrage durch Preis— 
ermäßigung das notwendige Hülfsmittel, um das Gleichgewicht herzustellen. Aber es 
ist andererseits ihre Pflicht, die gesunden Geschäftsunternehmungen zu stützen, den über— 
mäßigen Schrecken zu dämpfen, die Panik zu mildern. Die Regierung kann unter Um— 
ständen Darlehenskassen errichten, den großen gesunden Banken Staatsgelder auf kurze 
Zeit anvertrauen. Sie kann große Notstandsarbeiten rasch ins Leben rufen. Auch so 
weit Handelsverträge und Zollgesetzgebung es gestatten, kann sie durch kleine Hülfen in 
die Aus- und Einfuͤhr eingreifen. Freilich unlerliegt das immer dem Bedenken, daß 
die anderen Staaten AÄhnliches verfügen, was uns dann schadet. J 
Wichtiger bleibt immer, daß die ganze Handels- und Wirtschaftspolitik von weiter 
Hand her die Auf- und Niedergangsbewegungen verfolgt und in rechter Weise zu be⸗ 
einflussen sucht. Sie hat in ihrer Finanz-, Anlehens⸗-, Geld⸗-, Notenpolitik, in ihrer 
Eisenbahn⸗, Tarif-⸗, Verkehrspolitik, in ihrer Kolonifations- und Domänenpolitik, in 
ihrer Aus- und Einwanderungspolitik, in ihren großen Bauten und in ihrer sonstigen 
großen Natural⸗(3. B. Militaͤr⸗)verwaltung, in ihren eigenen großen Betrieben eine 
Summe von Miitteln, die aus den Gang der Volkswirtschaft bestimmend wirken. 
Sie kann gewiß weder die Hausse, noch die Baisse ganz hindern, aber sie kann beide 
sehr verstärken und wieder sehr mildern. Sie ist vor allem durch ihre auswãrtige 
Politik, durch die Zoll- und Handelsverträge dafür mit verantwortlich, ob der Export 
wächst, stillsteht, abnimmt, ob der Import uns fördert oder schadet, sie hat es damit 
bis auf einen gewissen Grad in der Hand, wie die ganze internationale Arbeitsteilung 
fich gestaltet, ob sie auf fester dauernder Grundlage sich aufbaue oder jeden Tag bedrohi 
sei. AUnd das ist für die älteren Kulturstaaten heute einer der wesentlichsten Punkle. 
Leicht sind gewiß diese Aufgaben nicht. Die parlamentarische Maschine, das Etatsrecht,
	        
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