Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

506 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. —[1964 
umfonst die lebenslängliche Diktatur angeboten. Die Senatsherrschaft der 
Nobilität dauerte fort, aber sie war 200 —-134 immer unfähiger geworden; sie war 
156.-134 so weit gekommen, überall die direkte ausbeuterische Fronherrschaft der 
römischen Statthalter einzuführen, ohne auch nur die italischen Bundesgenossen den 
Römern gleichzustellen und so die populären Elemente der römischen Bürgerschaft zu 
verstärken; der Handelsneid verbot das. 
Die fsociale und wirtschaftliche Umwälzung von 282-1834 läßt sich kurz so 
harakterisieren: die 269 eingeführte Silberprägung war der Ausdruck der siegenden 
Beldwirtschaft, des zunehmenden Handels; mit den Kriegen war eine große staatliche 
Flotte, die zugleich den römischen Handelsinteressen diente, und eine einheimische Reederei 
entstanden. Die großen Kriege schufen kapitalistische Handelshäuser und -gesellschaften, 
die dem Staate Vorschüsse machten, seine Flotten bauten, seine Heere ausrüsteten und 
verpflegten, die Domänen, Bergwerke, Steuern in den Provinzen pachteten, wo es ging 
den Handel für die Römer monopolisierten. Sie führten von Syrien und Griechenland 
rasch billige Sklavenmassen ein, die im Handel, den Gewerben, der Landwirtschaft den 
Großbetrieb, die Arbeitsteilung, die bessere Technik förderten. Die fähigeren dieser 
Sklaven wurden freigelassen. In Rom und den größeren anderen Städten bildete sich 
aus denselben, die in der ersten und zweiten Generation noch ganz von ihren Herren 
abhängig blieben, eine halb mißachtete, halb reich werdende Klasse von Händlern, 
GBeschästsführern, Spekulanten, Krämern, Handwerkern; sie standen, zumal für alle 
ichmutzigen Geschäfte, der Grund- und Kaufmannsaristokratie zur Verfügung. 
Die alten, im Senate sich zusammenfassenden reichen patrizischen und plebejischen 
Aristokratenfamilien, die neue Nobilität, schied sich von der Kaufmannsaristokratie, welche 
wesentlich identisch war mit den Familien des Rittercensus in der Censorliste, vor allein 
durch den Grundsatz, daß an den Erwerbsgeschäften die Inhaber der großen Ämter 
nicht teilnehmen durften. Die bäuerliche Partei setzte 218 das Verbot der Reederei— 
geschäfte für die Senatoren durch. Aber mehr und mehr wurden doch auch die sena— 
torischen Familien in die Geschäfte der Kaufleute (Kitter, Publikanen, Steuerpächter) 
hineingezogen; sie nahmen mit ihrem Kapital an den guten Geschäften der Publikanen 
deil; in der Provinz reichten sich der senatorische Statthalter und Quästor und die 
Steuerpächter die Hand, sie raubten und erpreßten gemeinsam. Wurde früher die 
Herrschaft nur um der Ehre und Herrschaft wegen, so wurde sie jetzt des Geldes wegen 
begehrt. Galt früher der römische Beamte und der römische Kaufmann für den ehyr— 
lichsten der Welt, so begann nun dieser Ruf zu schwinden. Griechische Bildung war 
in diese Kreise eingezogen, aber meist auch orientalischer Luxus, Sittenlosigkeit, un— 
zezügelte Genußsucht und in ihrem Gefolge die schamloseste Habsucht. Die Jriechisch— 
afiatischen Feldzüge verdarben Generale und Soldaten von Grund aus. Wenige Aus— 
erlesene verbanden die alte Tugend und Frömmigkeit, die alten staatsmännischen und 
Feldherrntalente mit der neuen Bildung; den meisten gelang es nicht. Von 160 an 
zalt auch der Senat als bestechlich, wie die Volksmassen in Rom mehr und mehr der 
Umschmeichelung, den Festen, zuletzt dem Gelde der Aristokraten zugänglich wurden. 
Der Bauernstand war schon im 2. punischen Kriege durch den überlangen Dienst, 
die großen Aushebungen, die Verwüstungen sehr bedroht. Aber er erholte sich noch 
durch allerlei kleine Reformen und Koloniegründungen; die Zahl der römischen Bürger 
Freilich nicht identisch mit den Bauern) nahm noch bis 169 v. Chr. zu; von da an 
ab. Immer größere Güter bildeten fich; immer häufiger mußte der Bauer verkaufen 
und zog nun als Bettler nach Rom. Das billigere Korn der Provinzen und der Sklaven⸗ 
züter vernichtete ihn. Die zunehmenden Sklaven wurden maßlos von den hartherzigen 
Geldmachern mißhandelt; der erste italische Sklavenaufstand krat 187 in Apulien ein; 
7000 von ihnen wurden ans Kreuz geschlagen. 
Wenn in der Zeit von 282-134 der römische Staat noch seine größten Feldherren 
und Staatsmänner gehabt hat, wenn ihre politisch⸗militärischen Großthaten die ihrer 
Vorfahren mannigfach sogar übertreffen, wenn das damals blühende Haus der Scipionen 
noch heute wegen jseiner Gesittung, seiner Charaklere, seiner inneren und äußeren Politik.
	        
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