Full text : Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

971)] Der sociale Gegensatz zwischen Altertum und Neuzeit. Der Bauernstand. 513

ein einfaches bis zwei-, dreis, ja achtfaches Wergeld. Die ganz Unfreien, die Liten in
Sachsen, die Britten in England, die Kelten in Frankreich, die früheren Kolonen in
Italien haben teilweise eine sehr schlechte, fast fklavische Lage; aber auch wo es recht—
lose Hörige find, sitzen sie meist doch auf einem Bauerngut. Der größere Teil der
ursprünglich freien Hufenbauern sinkt vom 7. —12. Jahrhundert in Abhängigkeit herab:
der König, die Kirche, die Großen werden ihre Grundherren. Ihre Lasien sind teil—
weise große, ihre Behandlung eine rohe; sie schlagen dafür auch immer mal wieder
einige Grundherren tot. Im ganzen aber bedeutet ihre Unfreiheit Befreiung von den
schweren staatlichen Lasten des Heer- und Gerichtsdienstes und sicheren Schutz durch den
Grundherrn; sie können nun ganz ihrer Wirtschaft leben, Dreifelderwirtschaft und andere
Fortschritte durchführen. Ihre Abgaben und Dienste sind zu einem guten Teil firxiert;
wo das der Fall, kommen die steigenden Gewinne lange mehr ihnen als den Grundherren
zu gute; sie sind meist durch das genossenschaftliche Hofrecht geschützt. So lange die
innere Kolonisation, in Deutschland die Wanderung nach dem Osten, dauert, sind die
Menschen begehrter als die Grundstücke, die beginnende Städtebildung mit ihrer Ver—
leihung persönlicher Freiheit und ihrem Menschenbedarf hindert von 1100 -1400 jeden
sehr starken Druck auf den Bauern. In Oberitalien, den Niederlanden, Nordfrankreich,
England ermöglicht auch schon die beginnende Geldwirtschaft einem Teil der Hörigen,
sich von einzelnen Lasten frei zu kaufen.
So wird der Bauernstand von 600— 1400 zwar seiner Altfreiheit beraubt, er
hat die Fortschritte des hohen und niederen Adels und des Klerus nicht mitgemacht;
er ist teilweise durch diese höheren Stände herabgedrückt, er ist von ihm abhängig.
Aber er hat sich doch in der zweiten Hälfte dieser 800 Jahre wirtschaftlich und kulturell
gehoben; die Sklaven und ganz Unfreien sind mit den Hörigen zu der einheitlichen
Bauernschaft verschmolzen. Wenn diese teilweise keine festen Besitzrechte hat, so findet
ein großer Teil der Bauern doch Schutz bei der Kirche und der Krone, und durch die
alte Genossenschaftsverfassung. Wo wie in Skandinavien, Friesland, Ditmarschen, der
Schweiz noch die volle alte Bauernfreiheit besteht, ist der Bauer noch ganz der alte,
aufrechte, selbstbewußte Mann, aber Bevölkerung, Kultur, Wohlstand ist hier auch am
wenigsten gewachsen, die alte rohe Ungeschlachtheit aus der Vorzeit dauert hier fort.
Sociale Kämpfe um seine Rechtsstellung hat der Bauer wohl da und dort geführt.
Aber zu kriegerischen ernsten Klassenkämpfen zwischen dem Bauern und seinem Herrn
ist es doch nur vereinzelt und hauptsächlich da gekommen, wo andere Ursachen des
Druckes hinzukamen: die Erhebung der Stellinger in Sachsen im 9. Jahrhundert war
ein Kampf gegen die fränkische Herrschaft und das Christentum; der Kampf der
Bauern in der Normandie gegen den Adel im 11. Jahrhundert war eine Er—
hebung gegen hochmütige Fremdherrschaft, die Stedinger Bauernempörung 1207 und
1230 ein Protest gegen Kirchenherrschaft und kirchliche Mißbräuche, die französische
Jacquerie 1358 und der englische Bauernaufstand unter Wat Tyler 1381 waren in
erster Linie blutige Proteste der Bauernschaft gegen Fürsten und Grundherren, welche
im Zusammenhang mit den französisch-englischen Kriegen die Steuern und Lasten maßlos
erhöht, die Lage der unteren Klassen unerträglich gemacht hatten. Es waren plötzliche
Ausbrüche der politischen und kirchlichen Volksleidenschaft, teilweise auch schon gegen
die Unfreiheit, gegen die harten bäuerlichen Lasten, gegen zu hohe Renten gerichtet,
aber nicht wie die Bauernerhebungen 1480 — 1530 durch jahrzehntelange sociale Gärung
vorbereitet.
Die Thatsache bleibt, daß die europäische Bauernschaft von 600—1400 wohl gewisse
technisch⸗-wirtschaftliche Fortschritte gemacht hat, aber doch gegenüber den höheren Klassen
zurückblieb; sie repräsentierte jetzt die alte Zeit, war im Begriff, mit dem Verlust der Freiheit
den Zusammenhang mit dem Staat zu verlieren, in örtlicher Gebundenheit zu stagnieren.
Diesem ganzen unteren, drei Viertel oder mehr des Volkes umfassenden Teil ftehen nun
die königlichen und fürstlichen Häuser, ihre Gefolgschaften, ihr Beamtentum, die Kirche
und die Geistlichen als die aufsteigenden, den Fortschritt repräsentierenden Klafsen
gegenüber. Ihre Amtsfunktionen, ihre höhere specialisterte neue Berufsthätigkeit ist die
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1.-26. Auil. 898
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.