Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

546 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1004 
lichen Urteils ungezählter Generationen arbeitete darauf hin, gewisse Rechtsgrundfätze zur 
höchsten Macht auf Erden zu erheben. Der roheste Häuptling schon, der Recht spricht, 
hüllt sich wenigstens in den Mantel des Rechts, gibt vor, im Gesamtinteresse zu 
handeln. Immer nötiger wurde es für alle Herrschenden, Rücksicht auf das Gesamt— 
interesse zu nehmen, ihren Klassenegoismus zu bezähmen. Und trotz aller Rückfälle, 
aller neu entstehenden Klassenmißbräuche, zeigt die Geschichte doch einen Fortschritt, der 
einerseits auf der wachsenden Einsicht in die politischen und socialen Zusammenhänge, 
auf der zunehmenden Ausbildung des feineren Rechtsgefühls in den regierenden und 
regierten Kreisen ruht, andererseits auf der Ausbildung der Rechtsinstitutionen und 
Verfassungsformen, welche die Klassenmißbräuche hindern und trotz derselben eine feste 
und gerechte Regierung leichter machen als früher, welche darauf hinarbeiten, allen Klassen 
ihren legitimen Einfluß zu sichern, aber keiner allein die Herrschaft auszuliefern. Nie 
natürlich wird dieses Ziel ganz erreicht. Aber immer wieder streben die großen voliti— 
ichen Bewegungen darauf hin. 
Die griechischen Staatsideale, das römische Amtsrecht in der Zeit des Freistaates, 
das harte Imperium der Cäsaren, das durch das Christentum humanisierte Recht des 
Mittelalters, die mittelalterliche Kirche mit ihren Instituten, die aufkommende moderne 
Staatsgewalt, der aufgeklärte Despotismus mit seinen Kämpfen gegen das feudal⸗ständische 
Klaffenregiment, mit feiner Bemühung um ein gutes Gerichtswesen, um eine lautere 
Verwaltung, die neueren konstitutionellen Verfassungen mit ihren Rechtsgarantien, die 
Versuche der neueren Demokratie, den unteren Klassen eine bessere und gerechtere Stellung 
zu verschaffen, das sind alles Stationen auf dem schwierigen, dornenvollen Wege der 
Menschheit, zu einer großen und festen Regierung ohne zu viel Klassenmißbräuche 
zu kommen. 
Die weltgeschichtliche Rolle des Cäsarismus und der erblichen Monarchie war es, 
die starken unerschütterlichen, von Polizeigewalt, Beamtentum, Heeresverfaffung ge— 
tragenen Staatsgewalten herzustellen; die Rolle der konstitutionellen und demokratisch— 
republikanischen Bewegungen war es, die Mißkbräuche dieser Gewalten wieder zu bekämpfen. 
In dem Maße wie es möglich sein wird, feste, dauernde Staatsgewalten auch in 
aristokratischen und demokratischen Republiken und hauptfächlich solche ohne Klassen— 
herrschaft zu haben, wird vielleicht die Monarchie als Staatsform zurücktreten. Bis 
jetzt hat es kaum diesen Anschein. Die heutigen großen Republiken und die ihnen 
angenäherten schwachen Monarchien zeigen entweder plutokratische oder feudale Klassen— 
herrschaft oder eine zur Alleinherrschaft populärer Staatsmänner und Diktatoren neigende 
Staatsform. Die europäischen Staaten also, welche mit einer festen erblichen Monarchie 
eine freie Verfassung verbinden, scheinen zunächst immer noch die beste Garantie gegen 
zu große Klassenmißbräuche zu bieten. 
Ihre Aufgabe wird ihnen in der Gegenwart hauptsächlich durch folgende Um— 
stände erleichtert: 1. durch die politische Arbeitsteilung, welche besondere Stände und 
Klassen geschaffen hat, die ihre Lebensarbeit dem staatlichen Dienste und den öffent— 
lichen Interessen widmen, 2. durch die steigende Macht der öffentlichen Meinung und 
3. durch die Thatsache, daß die heutigen socialen Klafsen zwar stärker organisiert, im 
Kampfe oft sogar egoistischer als früher geworden, aber doch in den europäischen Groß— 
staaten auch weiter gespalten als früher, durch das Recht mehr am rücksichtslosen Vor— 
gehen gehindert, sich gegenseitig im Schach halten. Schon in den Priesterstaaten 
beruhte das relativ gute Regiment auf der Thatsache einer Specialschulung der 
Herrschenden für die Herrschaft; teilweise war es auch in der kriegerischen Aristokratie 
so; Platos Idee einer Philosophenregierung entspringt demselben Gedanken, den dann 
der Principat in der Schaffung seines Beamtentums freilich noch unvollkommen aus— 
führie. Erst die letzten Jahrhunderte haben nun aber in den meisten europäischen 
Staaten einen Kreis von Juristen, Beamten, Offizieren, Geistlichen, Lehrern geschaffen, 
die, häufig aus allen Kreisen der Gesellschaft sich rekrutierend, doch gleichmäßig auf 
den Universitäten gebildet, teils durch Besitz, teils durch Besoldung wirtschaftlich sicher 
gestellt, ihr ganzes Leben den öffentlichen Geschäften widmen. Diese Kreise sind teilweise
	        
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