Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

1007)] Die Entscheidung der Klassenkämpfe, Revolution oder Reform. 549 
Rechte erhalten, die als Träger des Fortschrittes erscheinen, deren Emporkommen dem 
Gesamtinteresse des Staates entspricht. 
Wir werden sagen können, auch früher sei keine Klasse auf die Dauer empor— 
gekommen, die nicht zugleich Staat und Volkswirtschaft im ganzen förderte, keine sei 
gesunken, die nicht zugleich ihre Pflichten gegen das Ganze vergaß, in Vorzügen und 
veistungsfähigkeit, in politischen oder wirtschaftlichen Tugenden zurückging. Jede bedrohte 
Mittelklasfse wird sich nur behaupten, wenn sie sich wirtschaftlich und geistig regeneriert, 
wenn ihre Existenz und Thätigkeit noch heilsam für die Gesamtentwickelung ist. Keine untere 
Klasse kann dauernd emporkommen, wenn sie bloß mit Knütteln dreinschlägt, nur Haß 
und Unverständnis den oberen Klassen entgegensetzt, nur unausführbaren Utopien nach— 
jagt. Sie kann nur größere politische Rechte und größeres Einkommen sich erringen, 
wenn sie technisch, wirtschaftlich und moralisch emporsteigt, wenn sie als Träger des 
Gesamtfortschrittes sich dokumentiert, wenn sie in den engeren Reihen Gehorsam und 
Zucht ausbildet, sich fähigen, maßvollen Führern und nicht bloß hetzenden Demagogen 
unterordnet. — Alle Klassenmißbräuche und alle Klassenherrschaft werden nie ganz ver— 
schwinden. Renan sagte einmal, der jüdische Geist sei in der Weltgeschichte der Träger 
der socialen Gerechtigkeit, aber er suche auch überall jede feste, mächtige Regierung zu 
vernichten, die nun eben mal, wie die Menschen seien, nicht ohne gewisse sociale Miß⸗ 
bräuche denkbar sei. Darin liegt ein wahrer Gedanke. Der Geist socialer Ge— 
rechtigkeit muß mit der harten Notwendigkeit fester, machtvoller Regierungen Kompromifse 
schließen und thut es eventuell zuletzt dadurch, daß die äußerste Demokratie immer mit 
der Tyrannis, dem Cäsarismus endet. 
Zunächst handelt es sich für die Völker unserer Kulturperiode um die Hoffnung, 
daß große Staatsmänner, die fähig sind zu regieren und ihre Staaten emporzuheben, 
zugleich die sociale Reform in die Hand nehmen und mit starker Hand, aber auf fried⸗ 
lüchem Wege durchführen. Als Hardenberg Derartiges versuchte, schrieb ihm Niebuhr 
einmal: Sie wandeln den schwindelnden Weg, auf dem die Reaktion Sie ebenso an— 
greift wie der revolutionäre Radikalismus. Gewiß ist jeder solche Weg der Social⸗ 
reform in dieser Weise bedroht. Um so größer ist das Verdienst, wenn er zum Ziele 
führt. Es kann ohne Gewalt geschehen, nicht ohne Macht und Kühnheit. Die Macht 
kann heute durch Popularität und demokratische Tendenzen, sie kann bei uns wahrschein— 
lich aber doch noch leichter im Anschluß an die aroßen Traditionen der Monarchie 
erreicht werden. 
252. Die sociale Gesamtentwickelung. Der gegenwärtige Stand. 
Haben wir im Vorstehenden den Zusammenhang zwischen Klassenherrschast und Ver— 
assungsentwickelung im allgemeinen erörtert, so bleibt jetzt noch übrig, den gesamten 
socialen Entwickelungsgang kurz zu charakterisieren und einen Blick auf die heutigen 
Kämvie und ihre währscheinlichen Folgen zu werfen. 
4) Was den ersteren betrifft, so steht der socialistischen optimistischen Hoffnung auf 
ein Verschwinden aller Klassengegensätze die pessimistische Lehre gegenüber, die nur eine 
zunehmende Steigerung der Klassengegenfätze in der Geschichte findet. Der socialistische 
Gedanke setzt ein Verschwinden aller Ärbeits- und Berufsteilung, aller Unterschiede der 
Rafse, der Talente, der Begabungen, eine Beseitigung von Stadt und Land, eine Ver⸗ 
nichtung aller Höherbegabien wie ein Verschwinden aller roheren und geringen Kräfte, 
wondaghch ein kunstüches Züchtungssystem voraus, das lauter gleiche Menschen des 
Mittelschlages schufe. Wir sehen nicht, wie es da noch einen, Fortschritt gäbe; noch 
weniger wie, durch welche Ursachen und Institutionen wir iemals zu einem iolchen 
Zustand kommen könnten. 
Aber auch eine stets zunehmende Klassenverschiedenheit ist historisch nicht nach— 
weisbar; sonst müßten in den heutigen Staaten die unteren Klassen so tief stehen wie 
die Australier oder Feuerländer. Glieder desselben Volkes, derselben Völkerfamilie werden 
stets durch Blutsmischung, Sprache, sonstige geistige und materielle Berührung und 
Nachahmung auf einander wirken. So fehr stets Einzelne und ganze Klassen zeitweise 
in jedem Bolke emvporsteigen und als Aristokratie sich behaupten, so sehr findet auch
	        
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