Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

1013) Die falschen politischen Ideale der Socialdemokratie. 555 
Bildungsstand der unteren Klassen, den Leistungen der oberen, dem verschiedenen Be— 
dürfnis einer starken und festen Regierung angepaßt sein. 
Vor allem aber giebt es gewisse extreme demokratische Einrichtungen, die in kleinen 
Gemeinden oder Kantonen gesund, in Großstaaten nur schädlich wirken. Daher ist es 
nicht unlogisch, wenn viele Radikale, wie schon Owen und Fourier, alle Großstaaten 
wieder in Kanton- und Kleinstaaten oder gar in kleine Gemeinden auflösen wollen; 
sie vergessen nur, daß sie damit alle höhere Kultur und alle nationale Selbständigkeit 
aufhöben. Diejenigen Socialisten, welche am Großstaat festhalten wollen, haben meist 
über die Vorbedingungen seiner Entstehung, über die internationalen Machtkämpfe, die 
ihn bedrohen, über die innere Machtstruktur, die er voraussetzt, keine oder ganz unklare 
Vorstellungen. Sie glauben ihn verträglich mit einer Verfassung, wie ihn ein Arbeiter— 
verein von 530—100 Mitgliedern haben kann. Die direkte Gesetzgebung durch das 
ganze Volk (obligatorisches Referendum), das imperative Mandat der Abgeordneten, 
das diese zwingt, statt nach ihrer Sachkenntnis und Überzeugung nach dem jeweiligen 
Wunsch der Wähler zu stimmen, das Einkammersystem, die jährlichen Wahlen, das 
absolute Kopfzahlsystem bei allen Wahlen, die Entscheidung über Krieg und Frieden 
durch das ganze Bolk — das sind die extrem demokratischen Forderungen, welche auf 
dem Gedanken der Volkssouveränetät ruhen, die großen Entscheidungen von Regierung 
und Parlament auf die Massen und ihre Stimmungen und Leidenschaften verlegen 
wollen. Sie gehen von der falschen Vorstellung aus, daß die unteren Klafsen sich 
stets durch Weisheit und Tugend auszeichnen, daß ihre Stimmen summiert die höchste 
Einsicht repräsentieren. Dabei ist ganz übersehen, daß alle Massenentscheidungen stets 
mehr durch Gefühl und Leidenschaft als durch Verstand und Sachkenntnis erfolgen, daß 
die Summierung aller Stimmen einer in ihrer Bildung abgestuften Gesellschaft das 
Resultat stets herabziehen auf die niedrigen Bedürfnisse, Vorurteile und Gedanken, die 
allen gemein sind, daß selbst bei den Gebildetsten und Charaktervollsten der Verstand 
in dem Maße abnimmt, wie sie zu größeren Versammlungen vereinigt in der Erregung 
abstimmen. Daher hat man seit Jahrhunderten in allen größeren Kulturstaaten die 
setzten großen Entscheidungen einem Manne, andere einem kleinen Kollegium 
von 5—10, wieder andere Senaten und Kammern von 200-600 übertragen. 
An dem Versuche, durch das ganze Volk zu regieren, sind die antiken Republiken zu 
Grunde gegangen. Der größte politische Fortschritt seither, die Regierung durch Minister 
und Parlamente, wird durch obige demokratische Forderungen annulliert. 
Und das Gleiche gilt von der Forderung einer jährlichen Wahl aller Beamten und 
Richter, einer Beseitigung der stehenden Heere. Der Radikalismus will durch ersteres 
die feste Organisation der heutigen Staatsgewalt vernichten; er vernichtet aber dadurch 
biel mehr: die Rechtserrungenschaft von Jahrhunderten, die Besorgung der Staats⸗ 
geschäfte durch unabhängige, charakterfeste, berufsmäßig geschulte Männer, den Ver— 
waltungsmechanismus, der in vielen Generationen langfam und kunstvoll entstanden 
ist, ohne welchen auch die heutige Volkswirtschaft in Ländern dichter Bevölkerung nicht 
leben kann; er setzt damit die Anarchie an Stelle fester Ordnung, er übergiebt bestech— 
lichen Stellenjägern die Staatsgeschäfte, macht den Staatsdienst zu einem unsicheren 
Erwerbsgeschäst, führt die Korruption in Gemeinde und Staat noch in ganz anderem 
Maße ein, als sie leider schon heute vor allem in den am meisten demokratisch und 
parlamentarisch regierten Staaten besteht. Die Basierung des Heeres auf allgemeine 
Wehrpflicht mit kurzer Dienstzeit ist gewiß eine berechtigte demokratische Forderung; 
aber fie wirkt nur gut durch die Beifügung der aristokratischen Einrichtung der Berufs— 
offiziere und ⸗unteroffiziere. 
Der vernünftige Socialismus und Radikalismus der neuesten Zeit, wie z. B. der 
der englischen Fabier, hat daher auch bereits alle diese demokratischen Forderungen als 
archaistische und falsche erklärt. Die englische Gewerkvereinswelt hat seit 40 Jahren die 
Leitung ihrer Geschäfte mehr und mehr einer Arbeiteraristokratie und einem Arbeiter— 
beamtentum übergeben (vergl. oben S. 402). Praktisch geschieht Ahnliches mehr und 
mehr auch in Deutschland; in der Socialdemokratie wächst die Gewalt und Autorität
	        
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