051) Das englische Schutzzollsystem 1600 - 1800. 593
ceiche andere Industrien durch das Verbot derart entwickelt, daß es dann nicht leicht
nehr aufzuheben war. Bald kamen, zumal gegen 1700, weitere Einfuhrverbote hinzu,
auch für Waren aus anderen Ländern. Walpole ordnete in seinem langen Ministerium,
hauptfächlich 1727682 1729, das Chaos der Zollgesetze etwas, hob die Ausfuhrzölle für fertige
Waren, manche Einfuhrzölle für Rohstoffe auf, bildete aber zugleich das System der
Kückzölle, Prämien und Schutzzölle nach allen Seiten weiter aus. Die Rückzölle und
Prämien stiegen bis auf die Hälfte der Zolleinnahme; sie waren das große Instrument,
um Parlamentsstimmen zu kaufen, Handel und Industrie zu leiten, auch nach Gunsi
und Willkür Wohlthaten durch die Regierung zu erweisen. Die Sperre von 1678,
der Sieg der Whigs über den torystischen Handelsvertrag von 1713 und das lange
Walpolesche Ministerium sind die Höhepunkte der nun bis 1788 immer weiter sich
überspannenden merkantilistischen Schutzpolitik. Und von 1750 bis gegen 1840 hielten
die urteilslose Maffe sowie viele Parteiführer und Minister gerade diese Übertreibungen
für die Ursache der englischen Größe, während die späteren größeren nationalen Industrien
der Baumwolle, des Eisens, der Maschinen und der Kohle fast ohne Schutz, durch
aatürliche Urfachen und die Handelsblüte des Landes begünstigt, von 1770 -1860
emporkamen, und es seit den Tagen A. Smiths jedem Kenner klar war, daß das
unendlich wirre System der Zölle, Prämien, Rückzölle meist an der einen Stelle mehr
schadete als an der anderen nützte.
Die englische Getreidehandelspolitik, bis gegen 1400 mehr im Dienst der
Konfumenten, hatte im 185. Jahrhundert schon die freie Ausfuhr im Dienste der Grund—
besitzer angestrebt; die beiden ersten Tudors hatten öfter wieder die Aussuhr gehemmt,
aber von 1562—1689 überwog freie Ausfuhr, die Elisabeth möglichst auf englische
Schiffe konzentrieren wollte, die man je nach dem Stand der Getreidepreise erlaubte.
Karl I. schuf einen Getreideeinsuhrzoll, der bei niedrigen Preisen die Zufuhr hemmte.
Daneben trat 1689 das Gesetz, das die Getreideausfuhr je nach dem Preisstand mit
Prämien förderte. Es war die Konzession an die Grundbesitzer und Torypartei, welche
sie für die merkantilistische Politik gewinnen sollte. Da die Getreidepreise bis 1765
anormal niedrig in ganz Westeuropa waren, deshalb in vielen Ländern schwere agrarische
Krisen erzeugten, so war die Wirkung dieser Prämien überwiegend günstig für England;
sie förderten den Ackerbau, ohne zu hohen Preisen zu führen. Aüe Sachktfenner,
A. Young, Anderson, Marshall usw. sind einig, daß die Prämien im ganzen heilsam
für England waren, zugleich die heimische Marine förderten, da sie nur für Ausfuhr
in englischen Schiffen gezahlt wurden. Als von 1765—18183 die Bevölkerung rasch
wuchs, und die schlechten Ernten überwogen, versuchte man es wieder teils mit Aus—
fuhrverboten, teils mit neuen Gesetzen, welche die Getreideausfuhr erfschwerten, die
Einfuhr erleichterten.
Über Zolltechnik und Zolleinheit noch ein Wort. Die älteren Zölle waren
wesentlich Ausfuhrzölle auf Rohstoffe und Fabrikate, meist Stückzölle; von Einfuhrzöllen
waren die Weinzölle seit alter Zeit von Bedeutung; 1660 zählte der Tarif schon
1700 einfuhr-, 550 ausfuhrzollpflichtige Waren. Der Schmuggel war bis zur Zoll—
reform Pitts von 1787 ein maßloser; bis dahin zahlte jede Ware verschiedene Sätze
und Zuschläge mit bestimmter Verwendung. Die Zölle trugen 1666 127000 Æ, 1714
l,4, 1800 7,8, 1809 18,4 Mill. V. Schottland, seit Jacob J. mit England in
Personalunion vereinigt, wurde erst 1707 in die Zolllinie einbegriffen, weil die schottische
Regierung begann, eine eigene, die englische kreuzende Handelspolitik zu treiben. Irland
blieb bis 1801 zollpolitisches, von England wie eine auszubeutende Kolonie miß—
handeltes Ausland; als seiner Regierung etwas größere Handelsfreiheit im 18. Jahr—
hundert eingeräumt wurde, benutzte sie sie sofort gegen England; daher 1780 Ein—
beziehung in die Schiffahrtsgesetze, 1801 in die Zolllinie mit gewissen Vorbehalten
und 1828 -1824 volle Vereinigung.
261. Der Merkantilismus; Deutschlands und Preußens Handels—
politik bis 1806. Während West- und Nordeuropa einschließlich Rußlands und
Polens staatlich und wirtschaftlich 1360—1700 emporkamen, ging Deutschland durch seine
3cbmoller, Grundriß der NVolkswirtschaftslehre. II 1.—26. Aufs I