Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

304 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1062 
anderen bedeute. Diese Theorie hatte ihren Ursprung in den Kolonialkämpfen, in der 
Ausnutzung der Machtungleichheit, in den Übervorleilungen und Ausbeutungen des 
Zeitalters. Dieser pessimistische Satz ist gerade so übertrieben, wie der entgegengesetzte 
optimistische der Freihandelslehre, daß bei jedem Tauschgeschäft und allem internatto— 
aalen Handelsverkehre stets beide Teile gleichmäßig gewinnen. Je nach den Kräften 
und Spannungen kann das eine wie das andere der Fall sein. Vielleicht überwog im 
17. und 18. Jahrhundert mehr das erstere, im 19. mehr das letztere. Daß der Gewinn 
des einen der Verlust des anderen sei, war wahr, als die Holländer alle anderen euro— 
päischen Staaten aus den Molukken hinauswarfen, als sie die Schelde auf ewig sperrten, 
als Cromwell mit der Navigationsakte und den Seeschlachten den holländischen Zwischen— 
Jandel vernichtete, war wahr, als England den Franzofen Canaba und Indien nahm. 
Es war wahr bei vielen Handelsvertraͤgen und ihren Folgen. Es ist heute noch wahr 
im Kampf um den Kolonialbesitz, um die großen und wichtigsten Handelsstraßen (Suez, 
Panama usw.). Noch 1897 konnte die „Saturday Review“ ausrufen: wenn Deutsch— 
land morgen aus der Welt vertilgt würde, so gäbe es übermorgen keinen Engländer, 
der nicht um so viel reicher würde. 
Alle Menschen, alle Staaten und Volkswirtschaften stehen sich auf der einen Seite 
feindlich, auf der anderen freundlich gegenüber. Sie kämpfen um Vorteile, suchen die 
anderen auszustechen, ja zu vernichten, und daneben brauchen sie einander wieder und 
nüfsen sie sich gegenseitig fördern. (Vgl. oben J, 8 82.) Aller Handel und alle 
dandelspolitik hat dieselbe Doppelnatur: eine feindliche und eine friedliche Seite; die 
Staaten haben stets bald friedlichen Verkehr, bald Kämpfe aller Art bis zum Zoll⸗ und 
zum wirklichen Kriege; nach dem Kampfe streben sie wieder nach Staatsverträgen, nach 
sompromissen, die beiden Teilen nützen wollen. Je mehr der Friede der Staaten unter— 
einander, das geläuterte Völkerrecht siegt, je gleichere Gewalten einander gegenüberstehen, 
desto mehr wird der friedliche Austausch mit gegenseitiger Förderung, mit beiderseitigem 
Bewinn den breiteren Raum in den gegenseitigen Beziehungen einnehmen. 
Nur eine Unterart des Gedankens, daß der Gewinn des einen siets der Verlust des 
anderen sei, ist die im 17. und 18. Jahrhundert entstandene Handelsbilanzlehre 
(vgl. J, S. 880 -86). Sie vergleicht den Geldwert der Ausfuhr eines Landes mit der 
Einfuhr; ein Plus der Wareneinfuhr über die Ausfuhr erklärt fie für eine ungünstige, 
ein Plus der Warenausfuhr über jene für eine günstige Bilanz, weil sie Geld und 
damit Reichtum, Verkehr ins Land bringe; jede Ausfuhrsteigerung erscheint als will— 
kommen, zumal eine solche von Manufakten, an dem Einheimische viel Arbeitslohn 
und Unternehmergewinn verdient haben. Die Theorie trat mit manchen schiefen, ja 
alschen Forderungen auf; sie ist aber in ihrem Ursprung, ihrem Grundgedanken nicht 
so falsch, vie Hume und A. Smith gemeint haben. 
Ihre Wurzel liegt in der historischen Thatsache, daß die sich ausbildende Geld— 
wirtschaft in allen Gebieten ohne Edelmetallproduktion mit einem chronischen Mangel 
an Metall und Münze, vor allem an guter eigener Landesmünze zu kämpfen hatte. 
Daher suchten feit dem Mittelalter alle Städte und Gebiete ihre Münze, oit auch das 
Rohedelmetall festzuhalten, verboten oder erschwerten ihre Ausfuhr, kontrollierten allen 
Handel mit fremden Kaufleuten, zwangen sie ganz oder teilweise, ihren Erlös nicht 
bar, sondern in Landesprodukten mitzunehmen. So geschah es am weitgehendsten in 
Venedig, dann in England, noch im 18. Jahrhundert im schlesisch-polnischen Handel. 
—AD——— Absatz zu schaffen. 
Aus einer geldpolitischen wurde nach und nach eine handelspolitische Maßregel. 
Als die größeren Staaten sich konsolidiert hatten, als fie anfingen, ihre Volks— 
wirtschaft, ihre Ein- und Ausfuhr als ein Ganzes zu betrachten, als letztere vom 16. 
bis 18. Jahrhundert von immer größerer Bedeutung fur alle Produktion und allen Absatz 
wurde, war es natürlich und heilsam, daß man sich eine Vorstellung von dem Wert 
der gesamten Warenausfuhr und einfuhr verschaffte; man berechnete sie erst ganz roh 
durch eine Multiplikation der Zolleinnahme. Von 1697 an stellte England, von 1716 
an Frankreich, von 17418 —50 an Preußen die erfte wirkliche Wareibandeléstalifstik fur
	        
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