Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

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1065) Die Freihandelslehre A. Smiths. vn 
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wirtschaftliche, durch und durch individualistische Liberalismus von 1776 — forderte, —* 
stand in Einklang mit dieser Lehre. C —* 
Und doch dar nicht schwer einzusehen, daß diese allgemeinste Freihei Ee 
schaftlichen Handelns in Widerspruch mit Sitte, Recht, Strafrecht, allen staacktt 
Institutionen stand. A. Smith hatte deshalb ja auch seine Handelsfreiheit für so 
undurchführbar erklärt, wie die Utopia des Thomas Morus. Seine Nachfolger aber 
waren nicht so bescheiden. 
Die neue Lehre fingiert eigentlich lauter gleiche Menschen und lauter wirtschaftlich 
gleich starke Staaten, die nur von Natur verschieden ausgestattet, ihre kleinen UÜber— 
schüsse tauschen sollten. A. Smith sprach von der Thorheit, durch Schutzzölle eine 
Weinproduktion in Schottland zu erzeugen. Ricardo wählte immer das Beispiel des 
Verkehrs von England mit Portugal und Polen. Aber waren diese Beispiele maß— 
gebend für den Verkehr zwischen England mit Holland, Frankreich, Deutschland? oder 
auch für den Verkehr mit Wilden und Barbaren, welche der Freihandel damals wie 
heute tötete. Und war denn der keineswegs ganz, sondern nur relativ freie Verkehr 
Englands mit Portugal und Polen nicht auch, bei Lichte besehen, eine Niederhaltung 
und Ausbeutung dieser Agrargebiete, deren Naturprodukte man billig kaufte, um ihnen 
englische Fabrikate möglichst teuer zu verkaufen? Smith sagt, der Schneider wird doch 
die Stiesel nicht selbst machen, die er besser und billiger vom Schuster bekommt; und 
was für ihn, den Hausvater, richtig ist, muß es doch auch für eine Nation sein. Er 
vergißt, daß der Schneider mit Recht nur an die Gegenwart denkt, eine Nation aber 
an die Zukunst; ein Schneider, der persönlich zugleich das Stiefelmachen lernen will, 
ist etwas gänzlich anderes, als eine Nation, die sich eine Eisenindustrie durch zeitweisfe 
Verteuerung des Eisens erzieht, nach 30—60 Jahren eine ebenbürtige Eisenindustrie 
durch den Schutzzoll erhalten kann. Und doch führen noch heute große deutsche 
Gelehrte das Smithsche Schneiderlein, das schlechte Stiefel macht, mit sich aufs Katheder 
und erzielen damit Lach- und Beifallserfolge. 
A. Smith und alle seine Nachsolger sehen nur die Individuen und die Welt— 
wirtschaft, sie übersehen die Staaten, ihre nationalen Interessen, ihre nationale Organi— 
sation, ihren nationalen Egoismus und dessen notwendige Folgen. Sie vergessen, daß 
unbedingt sreier Handel zwischen allen Ländern zwar den von Natur und historischer 
Entwickelung begünstigten steigenden Absatz und wachsende wirtschaftliche Blüte bringt, 
den ärmeren, von Natur vernachlässigten aber leicht ihre Gewerbe, ja unter Um— 
ständen einen Teil ihrer Bevölkerung entzieht. Das kann sich kein selbstbewußtes Volk 
gefallen lassen, ohne sich zu wehren. Der Trost, daß der Freihandel irgendwo fonst 
in der Welt eine billigere und bessere Produktion erzeuge, kann den benachteiligten 
Ländern nicht genügen. 
Die ganze Lehre ist unhistorisch. A. Smith kannte nicht oder vergaß, durch 
welche Mitlel und Kämpfe England groß und reich geworden war; er sah in dem 
damaligen Zustand der englischen produktiven Kräfte kein Werk politisch⸗staatlicher Er⸗ 
ziehung, sondern ein solches der Natur. Und jeder staatliche Eingriff in die natürliche 
Gegebenheit erschien ihm falsch, verteuernd, auf dem Unverstand „der hinterhaltigen 
Tiere beruhend, die man Staatsmänner nenne“. Die Lehre ist von einem optimistischen, 
psychologisch unhaltbaren Glauben an die Harmonie aller Interessen erfüllt; nach ihr sind 
die Individuen, die Klafsen, die Staaten in ihrem Handeln von einer unsichtbaren 
höheren Macht gelenkt, die alle Widersprüche ausgleicht, allen Verkehr aller Menschen 
zum Besten ausschlagen läßt. Für diesen Standpunkt giebt es keine Übervorteilung, 
keine Ausbeutung; jede Steigerung des Handels beruht aui richtiger Einsicht und bringt 
allen nur Vorteil. 
So wahr die Lehre von der verbilligenden Wirkung der internationalen Teilung 
der Arbeit ist für gewisse große Verschiedenheiten der Länder in Klima, in technischer 
und historischer Entwickelung, so wenig ist daneben zu leugnen, daß die meisten Länder 
des gemäßigten Klimas für die gewöhnlichen Gewerbszweige ähnlich befähigt sind und 
sie bei richtiger ökonomischer Erziehung erhalten können. Die internationale Teilung
	        
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