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Die deutsche Handelspolitik 1892 -1903.
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war ein neuer Beweis der geringen Fähigkeit großer Parlamente, gute Zolltarife zustande
zu bringen.
Immer kann man hoffen, daß eine besonders kluge und geschickte diplomatische
Aktion auch mit diesem Zolltarif gute Handelsverträge und damit einen in der Haupt—
sache nicht zu hohen Vertragstarif zu stande bringe. Der Reichskanzler hat gezeigt,
daß er sich von den schutzzöllnerisch-agrarischen Heißspornen nicht zu voreiliger Kündigung
der Verträge und zum Zollkriege drängen läßt. Leicht ist die Stellung Deutschlands
im handelspolitischen Kampfe der Gegenwart nicht. Wir müffen einerseits unsere
deutsche Landwirtschaft vor dem Niedergang der englischen bewahren; wir müssen anderer⸗
seits ünserer gesunden Exportindustrie große Märkte im Ausland erhalten, schon um die
28 Milliarden Mk. Nahrungsmittel uünd Rohstoffe, die wir von draußen gegenwärtig
brauchen, zu bezahlen. Wir konnen die Hochschutzzollpolitik und die Eroberungslust
der großen Riesenreiche nicht hindern, wir müssen nur suchen, sie zu ermäßigen und
unsern großen Verkehr mit ihnen zu erhalten. Wir führten nach Großbritannien 1902 für
965, nach Rußland für 842, nach den Vereinigten Staaten für 886 Mill. Mk., zusammen
für 1600 Mill. Mk. Waren aus; wir müssen suchen, diesen Export uns zu erhalten,
also günstige Verträge mit diesen Reichen zu schließen. Wir werden aber dieses Ziel
um so beffer erreichen, wenn wir zugleich uns stärken durch gute Verwaltung und
Fortschritte in unseren Kolonien, durch Vermehrung unserer Flotte und dadurch, daß
wir sjuchen, mit den anderen mitteleuropäischen Staaten den Mittelpunkt eines handels—
politischen Systems zu bilden, das einerseits gegen die Rückfälle in den brutalen Merkan—
silismus arbeitet, den Verkehr in Mitteleuropa steigert, andrerseits die schwächeren
Staaten schützt, ihren Befitz garantiert. Deutschlands Ausfuhr nach seinen zehn mittel⸗
ruropäischen Nachbarn (einschließlich des Hamburger Freihafens) war 1902 2275 Mill.
Mark und ließe sich noch sehr steigern; eine solche Steigerung brächte beiderseits nur
Gewinn, keine politische oder wirtschaftliche Gefahr. Daneben erhalten alle diese Staaten
durch engeren wirtschaftlichen Anschluß an Deutschland eine Verstärkung gegen allerlei
Gefahren. Wie die Einheit Italiens 1866 nur durch das deutsche Bündnis möglich
wurde, so hat nur Deutschland den russischen Krieg gegen Osterreich- Angarn gehindert.
Belgien wäre heute französisch, wenn Deutschland auf Napoleons III. Wünsche ein⸗
gegangen wäre. Hollands Kolonien können heute, wie die spanischen, die Beute eines
Machtigeren werden, wenn nicht ein Bund mit Deutschland sie schützt. Auch die
ftandinavischen Staaten würden in Deutschland den besten Schutz haben. Hätte die
deutsche Reichsregierung von 1894 an den Gedanken einer mitteleuropäischen Zollunion
weiter wie 18900 1891 gepflegt, statt die Hochschutzzollagitation zu dulden, zu streicheln
und zu fördern, so wären wir heute in besserer handelspolitischer Lage, so stände man
kräftiger den wirtschaftlichen Riesenmächten und aussichtsvoller der mitteleuropäischen
Vereinigung gegenüber. Eine solche wird jetzt sogar von den Männern gefordert und
erhofft, welche sie andererseits praktisch durch immer weitere Agitation für Erhöhung
der Zollmauern unmöglich machen, welche Deutschland leichten Herzens in Zollkriege
hineintreiben möchten. Sie sollten sich erinnern, daß 1816—1854 bei allen klugen
Slaaismännern Veutschlands nichts so feststand, als daß die deutsche Zolleinheit nur
mit maßvollen Schutzzöllen der Einzelstaaten untereinander gelingen könne.
269. Der Imperialismus Großbritanniens von 1874 bis zur
Gegenwart. Großbritanniens Bekehrung zum Freihandel hatte darauf beruht, daß
der idealistisch⸗freiheitliche Kosmopolitismus der Englaͤnder 1840—1870 sicher darauf
rechnen konnte, die bermacht des englischen Handels und der englischen Industrie, der
englischen Kolonien und der politischen Macht des Staates werde so den besten und
gesichertsten Spielraum der Bethätigung erhalten. In dem Maß, wie diese Voraus⸗
setzung aufhörte, trat der bedingungslose Glaube an den Freihandel zurück. Zuerst in
den englischen Kolonien, dann in dem Mutterlande.
Schon R. Peel hatte 1842 ursprünglich feine Tarifreform (wohl im Anschluß an
die Gedauken von Torrens) so geplant, daß alle Ermäßigungen fremden Völkern nur
unter der Bedingung der Reciproecität zufallen, daß Kolonien und Mutterland sich