Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

1109) Fortschreitende Erkenntnis und Zukunft der Handelspolitik. 651 
Bahnen zu lenken. Sie kann dabei zugleich indirekt belebend oder hemmend wirken; 
aber die nächste und erste Wirkung z. B. hoher Agrarzölle, kann und soll sein, die 
Arbeitskräfte und das Kapital der Landwirtschaft zuzuführen. Man weiß jetzt viel 
klarer als früher, daß somit jede Anderung an der einen Stelle förderlich, aber auch 
an einer anderen schädigend, einschränkend wirken muß oder wenigstens wahrscheinlich 
virkt. Daher ist man heute überhaupt vorsichtiger als früher, und mit Recht. Man 
weiß heute, daß man durch keine Handelspolitik die Grundbedingungen einer Volks— 
wirtschaft äandern, den Bedarf und Konsum ganz umgestalten, die Produktionsmittel 
beliebig vermehren kann. Man fragt sich daher klarer als früher, was möglich, was 
erreichbar sei, und macht deshalb etwas weniger falsche und übertriebene Experimente. 
Diejenigen, welche heute in alten Industriestaaten mit großem Fabrikaten- und Kapital⸗ 
xport die Landwirtschaft wieder heben wollen, machen sich, wenigstens wenn sie wissen⸗ 
schaftlich geschult sind, einigermaßen klar, inwieweit das möglich sei, wie weit die 
Verteuerung des Lebens durch Lebensmittelzölle erträglich sei. 
Man erörtert heute deshalb, weil man die Schwierigkeiten und Kehrseiten hoher 
Schutzzölle kennt, wieder mehr die etwaigen Ersatzmittel derselben, z. B. ein System innerer 
Prämien, wie es schon Hamilton vorzog; oder in Bezug auf die leidende Landwirtschaft 
ein großartiges staatliches Auskaufen der Grundbesitzer, die sich nicht mehr halten können, 
um so neue leistungsfähigere Betriebe mit nicht zu teueren Bodenpreisen zu schaffen. 
Derartige Mittel finden nur deshalb so wenig Beifall, weil sie gerecht noch schwieriger 
auszuführen sind, einen noch vollkommeneren Beamtenapparat fordern als Zölle, und 
weil sie den Finanzministern sehr viel Geld kosten, während die Schutzzölle zugleich 
dem Staate Geld bringen. 
4. Die heutige Welle einer schutzzöllnerischen, kolonienerobernden und 
imperialistischen Handelspolitik wird nicht rasch vorübergehen. Die expansive Politik 
der größeren Staaten wird ihnen, auch wenn sie mehr widerstrebten, vielfach durch die Ver— 
hältnifse aufgezwungen. Sie müssen Fabrikate, Menschen, Kapital ausführen, weil es zu 
Hause zu enge wird; und sie stoßen da auf Gebiete, die von Wilden, Barbaren, halbkulti— 
vierten Rassen bewohnt, von ganz unzuverläfssigen Regierungen beherrscht sind. Wollen 
sie ihren Handel dahin ausdehnen, die tiefstehenden Gebiete höherer Kultur zuführen, sich 
Absatz sichern, so müssen sie sie häufig irgendwie unter ihre Kontrolle bringen. Erst 
nach einer neuen Konsolidierung des heutigen Staatenfsystems wird daher diese Politik 
der Expansion und des Kampfes der Mächte um Absatz, Einflußsphäre, Kolonien, Be— 
zugsgebiete wieder mehr zurücktreten. Bis dahin werden wir wohl noch große Kämpfe, 
bielleicht auch große Veränderungen der Macht- und Besitzverhältnisse erleben. Dann 
aber wird wieder ein beruhigterer Zustand und daher eine mehr freihändlerische Epoche 
kommen. Auch dieser neue, wie der heutige Zustand internationaler Beziehungen, wird 
aus einem Kompromiß nationaler Macht- und Interessenbethätigung und völkerrechtlicher 
verkehrserleichternder Fortschritte bestehen. Wie in den Einzelstaaten über die Klassen— 
kämpfe nur durch Vernunft und Mäßigung, so ist über die großen Kämpfe der Völker, 
ihrer Volkswirtschaften, ihres Handels nur durch den gleichen Fortschritt hinaus⸗ 
zukommen. Es ist hier schwieriger, weil hinter dem Voölkerrecht und den Staats— 
berträgen keine absolut zwingende Macht steht. Aber je mehr die wirtschaftliche Völker— 
gemeinschaft wächst, je mehr sie durch eine steigende Summe von Verträgen aller Art 
zeordnet ist, desto mehr wird doch gegen die brutalen, ungerechten, gewaltthätigen Mittel 
der Handelspolitik der gemeinsame Widerstand wachsen, wie das heute schon in breiter 
Weise gegen früher geschehen ist. Die Mißhandlung der Schwachen, wenigstens so 
weit fie nicht im Interesse des Fortschrittes nötig ist, wird nach und nach noch mehr 
zurücktreten. 
Die nächstliegenden Fortschritte — von Kolonienverteilung, Zollvereinen und 
Ahnlichem abgesehen — werden auf dem Gebiete der internationalen Handelsverträge, 
ihtes Inhalts und ihrer Form liegen. Man wird suchen müfsen, über versteckte Ver— 
zünstigungen, die eine anständige loyale Konkurrenz erschweren, sich international viel 
mehr als bisher zu einigen. Wie man sich über die Abschaffung der Zuckerprämien
	        
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