11131 Zusammenhang der wirtschaftlichen mit der sonstigen Kulturentwickelung. 655
jellschaft an die Grenze ihres Nahrungsspielraums mit ihrer hergebrachten Technik und
Drganisation kommt, desto mehr steht sie vor der schwierigen Aufgabe neuen technischen
Fortschrittes, neuer Betriebsorganisation, vor dem Problem der Auswanderung, der
Markteroberung; das sind komplizierte gesellschaftliche Prozefse, die meist nur auf Grund
socialer Kämpfe und Reibungen, großer socialer Reformen, neuer Gesetze und staatlicher
Aktionen und zuletzt großer geistig-sittlicher Fortschritte gelingen.
Sie gelingen ebenso oft nicht, gerade weil der wirtschaftliche Fortschritt an so
diele Bedingungen und Umbildungen socialer und staatlicher Natur, an so viele indi—
viduelle, körperliche und psychologische Fortschritte, an so viele Anderungen der Sitten und
Gewohnheiten gebunden ist. Die niedrig stehenden Rassen sind viele Jahrtausende oder
Jahrhunderte auf demselben Niveau der Bedürjfnisse, der Technik, der wirtschaftlichen
Fultur geblieben. Auch die höher stehenden sind oft zeitweise mehr stabil geblieben,
sind dann erst wieder langsamer oder schneller vorangekommen. Und deshalb vollzieht
sich der wirtschaftliche Fortschritt nicht in einer geraden Linie, nicht stets bei denselben
Stämmen, Völkern und Rassen, sondern in tausendfsach stockenden Auf- und Abbewegungen,
in Kämpfen, Siegen und Untergang aller Art. Im Kampfe der Stämme und Völker
gehen immer wieder die schwächeren unter; wahrscheinlich ist eine viel größere Zahl so
hdon der Bühne der Geschichte abgedrängt und vernichtet worden als vorangeschritten
und emporgekommen. Aber auch die zeitweise gewachsenen, zu Macht und Wohlstand
gekommenen werden mit der Zeit von anderen uͤberholt. Neue Völker und Volkswirt—
schaften kommen empor, übernehmen die Führung im Fortschritt. Und je weiter die
Kultur steigt, desto mehr berühren sich die Stämme und Völker untereinander, desto
mehr vollzieht sich dieses Auf- und Niedersteigen in friedlicher oder feindlicher Be—
rührung und Wechselwirkung. Gerade diese Berührungen und Kämpfe, diese Wechsel⸗
wirkungen zeigen uns deutlich, daß ein einheitlicher Zusammenhang, eine Gesamt—
entwickelung der Menschheit bestehe; wir fragen heute nach dem Sinne und den Ur—
fachen derselben. Wir versuchen dieses große Rätsel irgendwie zu lösen oder zu deuten.
Wir glauben zu beobachten, daß die wechselnde Führung der Menschheit den
Völkern zufalle, die dem Fortschritt am besten dienen. Wir sehen aber auch, daß dieser
nie ein bloß wirtschaftlicher ist, daß der wirtschaftliche aufs engste mit den Fortschritten
auf den übrigen Gebieten des Lebens zusammenhänge. Und so weit die einzelnen
Völker als Güeder der Gesamtentwickelung in Betracht kommen, soweit sie aufsteigen,
blühen und wieder verfallen, glauben wir zu beobachten, daß ihre gesamten körperlichen
und geistig⸗moralischen Eigenschaften dies bedingen. Wir sehen, daß kein Volk mächtig
und reich wurde, dessen Moral, Religion, Recht und Verfassung tiefstehend war, daß höhere
Kunst und Wissenschaft immer mit der Blüte anderer Seiten der Kultur verknüpft war.
Dieser innere Zusammenhang der gesellschaftlichen Kulturgebiete ist gewiß heute noch
wenig erforscht. Aber so viel hat uns Geschichte, Staatswissenschaft, Litteratur, Religions—
und Kunstgeschichte doch schon gelehrt, daß der Zusammenhang besteht, und daß er auf
gemeinsame Ursachen zurückgeht. Wir wissen auch schon ziemlich sicher, daß meist die
historische Abfolge der Blüte der einzelnen Kulturgebiete bei den verschiedenen Völkern
eine ähnliche ist, z. B. daß die religiöse und kriegerische Kulturblüte in der Regel der
technisch⸗wirtschaftlichen und künstlerischen vorausgeht. Aber das einzelne dieser Zusammen—
hänge ist doch meist noch dunkel; ebenso wie die langsame Umbildung der seelischen
uind körperlichen Grundkräfte der Völker, die wir als die Ursache der einheitlichen Ent—
wickelung und ihrer einzelnen Stufen ansehen. Auch das Verhältnis der einzelnen in
der Kulturblüte sich folgenden Völker werden wir versucht sein, auf analoge jeelische
Ursachen und ihre Folgen zurückzuführen. Wenn wir nur schon mehr Gesicherteres
uüber diese Zusammenhänge wüßten!
Immer würden wir unvollständige Rechenschaft von unsrer Wissenschaft und von
hrem Zusammenhang mit dem allgemeinen Problem des menschlichen Wissens ablegen,
wenn wir nicht versuchten, kurz vorzuführen 1. wie man sich bisher die Gesamtentwickelung
des wirtschaftlichen Lebens für sich und in ihrem Zusammenhang mit den psychischen Grund—
kräften und anderen Seiten der Kultur zurecht gelegt habe, und 2. was wir über Auf—