539) Die einzelnen Münzen, das Münzsystem, die Scheidemünze. 81
fystem schuf, war entweder der Anschluß an die bestehenden Gewohnheiten und Wert—
vorstellungen des Landes oder die Annahme der Münzen des Haupt- oder des Nachbar—
landes das Ausschlaggebende. Die Geschichte des Münzfußes der großen Kulturstaaten
besteht fast durchaus in der successiven Erleichterung des alten Geldes: nachdem es aus
den mehr erwähnten Ursachen schlechter geworden war, erkannte man das zuletzt gesetzlich
im neuen Münzfuß an. So ist der deutsche Thaler von 27,4 auf 16,6 Gramm von
1566-1871 gesunken; so das livre tournois oder der Franc von etwa 415 auf 5 Gramm
legierten Silbers; das ist ein Rückgang auf !/88 (Lexis). Als Deutschland einen neuen
Münzfuß 1871—78 wählen mußte, um endlich ein einheitliches Geld zu schaffen, war
nur die Frage, ob man etwa wie die Schweiz, Belgien, Italien, Griechenland, Spanien,
den französischen Frane wählen oder durch Annahme des /3-Thalers- oder 10-Groschen⸗
stücks fuür den größeren Teil Deutschlands den UÜbergang erleichtern wolle. Man
entschied in letzterer Richtung, weil man sich zugleich sagte, dieselbe Münze mit einem
großen Nachbarstaat zu haben, könne ohne Garantie einheitlicher Münzverwaltung,
einheitlicher Golde und Währungspolitik unter Umständen, vor allem durch Eindringen
der fremden Münze, mehr schaden als nützen.
Aus dieser historischen Entstehung aller Münzeinteilung erklärt es sich auch, daß
einzelne Länder zeitweise ihre Hauptmünze nicht geprägt haben, sondern nur Teile oder
vielfache derselben. Als Preußen 1666 und 1690 zu einem leichteren Thalerfuß über—
ging, prägte es lange nur ss- und /s-Thaler als Zahlungsmünze, weil es mit etwaigen
ganzen Thalern nicht dem alten schwereren Reichs- oder Speciesthaler Konkurrenz
machen wollte, der Thaler war also, bis Friedrich d. Gr. ihn auch prägte, nur eine
Rechnungsmünze. Manche deutsche Staaten haben lange nur kleines Geld geprägt,
um mehr daran zu verdienen, aber gar nicht den Gulden, nach dem gerechnet wurde.
Als Frankreich den Franc, Deutschland die Mark als Hauptmünze einführte, waren
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Die 10- und 20fachen Stücke wurden deshalb die wichtigsten großen Münzen. Es
kann so ein Gegensatz bestehen zwischen der Hauptrechnungsmünze (der Mark) und der
Haupizahlungsmünze (dem 10—- und 20-Markstücke). Die Hauptrechnungseinheit ist mehr
durch traditionellen Gebrauch, die Hauptzahlungsmünze durch münz- und verkehrs—
technische Zweckmäßigkeit bestimmt. Die neuere Entwickelung hat aber teils die
Rechnungseinheit und die Hauptmünzeinheit zu identifizieren, teils sie wenigstens in ein
sehr einfaches Zahlenverhältnis zu bringen gesucht.
c) Scheidemünze. Das notwendige Nebeneinanderbestehen von großen, mittleren
und kleineren Münzen hat im neueren Muͤnzwesen zu dem Gegensatz von Voll- oder
Courantgeld und von Scheidemünze geführt, wie wir oben schon sahen. Während
in älterer Zeit alle Münze für die Zahlungen sich gleichstand, ist heute nur das
Courantgeld für alle Zahlungen gesetzliches Zahlungsmittel, die Scheidemünze braucht
nur in kleinen Beträgen genommen zu werden. Die historische Ursache liegt 1. in der
dechnisch⸗wirtschaftlichen Thatsache, daß man besser für Großzahlungen Großgeld, für
Kleinzahlungen Kleingeld verwendet und 2. in den Jahrhunderte langen oben geschilderten
Mißbräuchen, welche sich die Regierungen und Munzpächter mit dem kleineren Gelde
gestatteten. Das größere Silbergeld und das Goldgeld konnte man nicht so unbemerkt
immer schlechter machen, man prägte es dafür um so weniger; desto mehr aber kleine
Münze, und zwar immer leichter, immer mit stärkerem Kupferzusatz, so daß zuletzt die
Silbermünzen statt 183—514 nur 481btig waren, aus der Mark Silber statt 8—14
12— 20 Thaler geprägt wurden. Den so erzielten fiskalischen Münzgewinnen stand die
Verschlechterung des Müngzfußes, die Unsicherheit aller Münzwerte gegenüber. Auch
die mittleren Münzen hatten an diesem Verderb teilgenommen. Fast alle Münzwirren
von 1250 bis 1850 giugen hierauf zurück.
Da man nun in der neueren Münzpraxis doch davon nicht lassen wollte, die
kleinen Munzen entweder etwas leichter oder stärker legiert, oder beides zugleich,
oder gar aus billigem Kupfer oder Nickel zu prägen, so griff man zu folgenden Grund—
sätzen: An Scheidemünze darf pro Kopf der Bevölkerung nur ein bestimmter Betrag
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1.—6. Aufl,