Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Fünftes Buch. Zweites Kapitel. 
aber hört man wenig von größeren Erfolgen. Ähnlich stand 
es in anderen Diöcesen!. 
In die Tiefen der Nation drang von dem höheren Wissen 
der Renaissance so gut wie nichts. Die althochdeutschen Lehn— 
wörter aus dem Lateinischen erschöpfen sich im wesentlichen in 
den Bezeichnungen für kirchliche Begriffe, für äußere Lebenspflege 
und den Luxus namentlich der Küche, für die Hantierungen 
der fremden Berufe des Arztes und des Architekten; auf ein 
freieres geistiges Leben beziehen sich nur wenige, wie etwa das 
althochdeutsche Wort natüra, das aber erst in mittelhochdeutscher 
Zeit allgemeiner bekannt wird. 
Auch in den speziell kirchlichen Kreisen war das Wissen 
noch erschreckend gering; für den Priester begnügte man sich 
mit der wörtlichen Kenntnis der drei großen Glaubensbekenntnisse, 
mit einem oberflächlichen Verständnis der Meßliturgie und dem 
fehlerfreien Lesen der biblischen Perikopen. Bei den höher ge— 
bildeten Geistlichen aber war das Wissen zumeist unverarbeitet 
und rein archäologischer Natur; während Frankreich schon 
im 9. Jahrhundert eine Fülle dogmatischer Streitigkeiten sah 
und in Johannes Eriugena einen selbständigen Fortsetzer neu— 
platonischer Ideen beherbergte, war in Deutschland von einer 
dogmatischen Beherrschung der christlichen Lehre fast gar nicht 
die Rede, und die angeblich dogmatischen Streitigkeiten be— 
wegten sich bloß auf dem Gebiete kirchlicher Praxis. Und 
auch gegenüber dem sonstigen Inhalt der klassischen Tradition 
schwieg unter den germanischen Stämmen fast jedes kritische 
Interesse. Wo hätte man in Deutschland während des 9. Jahr— 
hunderts ein kritisches Genie wie Hinemar von Reims, einen 
philologischen Bibelausleger wie Christian von Stablo finden 
mögen? 
Der Vorsprung, den die Westhälfte des Reiches auf 
Grund ihrer römischen Vergangenheit besaß, machte sich über— 
mächtig geltend. Wie die deutschen Stämme nur auf alt— 
Zur geistigen Existenz eines gebildeten Landbischofs der Zeit ogl. 
das Verzeichnis der Bibliothek des Madalwin vom Jahre 9038. Mon. Boica 
286, 201.
	        
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