Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 15
Süden wie Osten und Norden her angreifbar, von den Sara—
zenen kaum mehr unterstützt, lag das Land jedem Einfall der
Franken offen. Gleichwohl bedurfte es neunjähriger erbitterter
Kämpfe, ja schließlich der verräterischen Ermordung des Aquitanier⸗
herzogs Waifar durch seine Getreuen im Sommer des Jahres
768, ehe das Land als unterworfen gelten konnte; nur wenige
Monate vor seinem Tode hat Pippin diesen größten Triumph
seiner Herrschaft erlebt, soweit sich diese offen in den Geleisen
bewegte, die sein Vater gezogen.
Allein schon mehr als zwei Jahrzehnte vorher hatten er
und Karlmann der inneren Politik des Reiches eine Richtung
gegeben, welche die Regierungsweise Karl Martells mindestens
stark vertieft hat und nach außen hin zu den unerwartetsten
Wendungen führte.
Karl Martell war in seiner inneren Politik nicht viel
weiter gelangt, als bis zur energischen materiellen Unter—
stützung derjenigen Großen, die seinem Hause anhingen. Er
hatte, das Beispiel früherer Herrscher aufnehmend, aber weit
überbietend, zur Belohnung der Großen vornehmlich Kirchen⸗
züter verwandt: ein folgenreicher Vorgang, der in die Ent—
stehung des staatlichen Lehnswesens einführt?.
Karlmann und Pippin gingen über die einseitige Begünsti⸗
gung der Karlingischen Parteigänger hinaus; sie fühlten sich
fest genug im Besitze der Herrschaft, um eine nur auf den
Nutzen des Landes gemünzte innere Politik einzuleiten. Da
bedurfte es denn vor allem einer kirchlichen Reform, einer
Stärkung der idealen Faktoren des Volkslebens.
Die christliche Kirche hatte sich aus den Anfängen einer
demokratischen Verfassung mit mehr dezentralisierenden Grund—
sätzen, wie sie die Gemeindekirche des 1. und 2. Jahrhunderts
darstellt, schon bald zu aristokratischen Formen entwickelt: die
Priesterkirche war entstanden, Bischöfe geboten in weitgedehnten
Sprengeln kraft des auf sie vererbten göttlichen Geistes, der in
Vgl. unten Kapitel 3.