Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Die Karlingische Renaissance. 
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scharte, muß sehr zahlreich gewesen sein. Namentlich 
Töchter erblühten dem königlichen Hause in größerer Anzahl. 
Ihnen gegenüber machte Karl nun wiederum eine völlig 
germanische Lebensanschauung geltend. Nie hat dem Deutschen 
in germanischer Urzeit kühne Frauenliebe als verpönt gegolten, 
auch wenn ihr das rechtlich zwingende Band fehlte; Ehebruch 
und Vergewaltigung waren Begriffe, deren sittliche Konsequenzen 
man infolge des eigentümlichen rechtlichen Baues der Ehe nur 
gegenüber dem schwächeren Geschlechte zog. Vermutlich erlaubten 
es Reste solcher Anschauungen Karl dem Großen, dem Verkehr 
bevorzugter Edler mit seinen Töchtern eine Freiheit zu gestatten, 
die heut unbegreiflich erscheint. Wer kennt nicht die Sage 
von Einhard und Emma? Sie könnte, wenn auch mit 
veränderten Namen, auf Wahrheit beruhen. Denn sicher unter— 
hielt die zweite uns bekannte Tochter Karls, Bertha, mit dem 
schönen Franken Angilbert einen Liebesbund, dem zwei Söhne, 
Hartnit und der Geschichtsschreiber der Zeit Ludwias des 
Frommen, Nithart, entsprossen sind. 
Dabei war aber das Familienleben des großen Kaisers 
keineswegs verwirrt und wechselnden Einflüssen preisgegeben. 
Es ging national klar und einfach her; die Söhne lernten 
schon von früh auf reiten, zogen zur Jagd und führten die 
Waffen in Spiel und Übung; die Töchter saßen am Spinn⸗ 
rocken und wirkten wollenes Gewand nach alter Sitte. Neu 
war nur der gleichmäßige Unterricht des weiblichen wie männ— 
lichen Teils der Familie in den freien Künsten der antiken 
Überlieferung. 
Es ist natürlich, daß eine solche Lebenshaltung auf engen 
Zusammenhang der Familie ebenso hinwirken mußte, wie sie 
von ihm ausging. Freilich nur selten sieht man aus der 
Perspektive eines Jahrtausends in die verborgenen Falten 
deutschen Gemütes überhaupt, noch weniger, wenn jede ge— 
mütliche Regung verdeckt erscheint durch den glänzenden Zwang 
eines ersten deutsch-kaiserlichen Regimentes. Gleichwohl giebt 
es Züge im Leben Karls, die auch heute noch über— 
zeugungsvoll aussprechen, was das Familienleben ihm war.
	        
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