Weitere musikalische und literarische Übergänge. 381
Zukunft, sondern der Vergangenheit. Aber Lessing blieb in
ihren Kreis gebannt, und sein dramatisches Schaffen stand
unter ihrem Einfluß. So zeigt „Miß Sarah Sampson“,
enes Stück der Jugendzeit (1755), mit dem Lessing der fran—
zösischen Comédie larmoyante und der deutsch-englischen
Empfindsamkeit seinen Tribut entrichtete, in der Leidens—
geschichte der Heldin, eines jungen verführten Mädchens, keine
insühnbare tragische Schuld, sondern nur die Konsequenzen eines
sühnbaren Fehltritts; so ist „Philotas“ (1759) ganz nach Art der
Alten nicht bloß aufgebaut, sondern sogar in der Charakter—
zeichnung durchgeführt; und auch die Dramen der reifsten Zeit
hleiben innerhalb der durch die antike, individualistische Theorie
gegebenen Grenzen: der Tod „Emilia Galottis“ (1772) ist nur
in sehr gewaltsamer Weise, und noch dazu kurz vor ihrem
Ende, motiviert; im Grunde sterben sie und ihr Vater, die
aichts verfehlt haben, unschuldig, während der Prinz frei aus—
geht, obwohl ihn im tiefsten Grunde alle Schuld trifft; und in
„Nathan dem Weisen“ (1779) wird die Handlung, an sich schon
sehr lose geknüpft, eigentlich nur durch das Spiel des Zufalls
vorwärtsgeschoben, wenngleich der veraltete Aufbau hier weniger
jervortritt, da die verschiedenen Konflikte so milde angelegt
ind, daß sie nirgends die volle Schärfe des Tragischen an—
nehmen. Goethe hat darum, mit der Unbarmherzigkeit freilich
des Angehörigen der nächsthöheren Entwicklungsstufe, über
„Emilia Galotti“ das Urteil sprechen können, bei genauerer
Untersuchung habe man vor ihr nur einen Respekt wie vor
einer Mumie; auf dem jetzigen Grade des Kultur könne das Stück
kaum noch wirksam sein; und Schiller hat in seiner Abhand—
lung über naive und sentimentalische Dichtung über „Nathan
den Weisen“ äußern können, ohne sehr wesentliche Veränderungen
würde es kaum möglich sein, dies dramatische Gedicht in eine
gute Tragödie umzuschaffen.
In der Tat gehörten Lessings Dramen ihrem Aufbaue nach
schon ein paar Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen insofern einer
verflossenen Kultur an, als sich inzwischen über den noch lange
fortdauernden Unterströmungen der Aufklärung und der Re—