34 Fünftes Buch. Zweites Kapitel.
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IV.
Diese späteren Jahre weckten aber durch die eifrig be—
triebene Aneignung klassischer Bildung auch schon die Lust zu
zigner Schöpfung. Eine neue Blüte der Weltlitteratur knüpfte
sich an die Bewegung, und Karl der Große war der erste, der
seine besonderen Liebhabereien in fruchtbares Schaffen umsetzte.
Wie sein Vater Pippin besaß er eine Neigung fürs Naturwissen⸗
schaftliche; namentlich die Astronomie in ihrer praktischen An⸗
wendung auf die Zeitrechmung interessierte ihn; von dieser Seite
aus sorgte er für eine bessere Ordnung des Kalenders. Mit
heißester Liebe aber erfaßte er den Gedanken einer Verwen⸗
dung der klassisch-philologischen Methoden zur Veredlung der
Muttersprache. Er hat selbst eine deutsche Grammatik verfaßt.
Er hat für die Niederschrift jener unendlichen Fülle epischer
Dichtungen gesorgt, die die deutschen Stämme in ihrem
poetischen Schatze seit den Tagen der Völkerwanderung, wenn
nicht gar seit noch früheren Zeiten angehäuft hatten. Er hat
deutsche Ausdrücke geschaffen für neue Begriffe, die erst jüngst
durch eine höhere Bildung dem Volke zugeführt worden waren,
so für die Monate.
Und weit gefehlt, daß Karls Interesse bei der Aufnahme
nur der philologischen oder auch litterarischen Seite antiker
Bildung stehen geblieben wäre. Diese Bildung versuchte viel⸗
mehr er, wie sein gesamter Kreis, sich allseitig anzueignen: sie
war für ihn nicht ein Außeres zu Erlernendes, sondern ein Inneres
zu Erlebendes; sie wurde erfaßt nicht als Bildungsstoff, sondern
als ein Ideal vollkommeneren Daseins: Aurea Roma iterum
renovata renascitur orbi.
So fand die Antike ihren politischen Ausdruck in der
Neubelebung des Kaisertums!: schon mehrere Jahre vor der
Krönung in Rom verglich Alcuin den König mit Augustus, und
später konnte Ermoldus Nigellus dichten:
Oaesareis actis Romanae sedis opimae
sunguntur Franci gestaque mira simul.
1 Vgl. oben S. 33.