Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

182 Neuntes Buch. Zweites Napitel. 
Ehemann in den unwürdigsten Scenen!. Sie wirkte nur als 
Weib, als Gegenstand sinnlichen Begehrens, als Auslöserin der 
Minne. 
Die Liebessehnsucht des Ritters, bisher befriedigt in den 
niederen Sphären des Gynäceums und wohl auch der bäuer— 
lichen Kreise, wandte sich nun einem höhern, nach unseren Be— 
griffen freilich ebenso unsittlichen Ziele zu, der Frau des ritter 
lichen Genossen. Und sie erging sich keineswegs in leerer Ent— 
sagung, so oft sie hierzu auch schließlich gezwungen ward: 
grundsätzlich strebte sie nach vollem Genusse. 
Anscheinend schon früh ist das Ideal ritterlicher Frauen— 
liebe in diesem Sinne in Deutschland aufgestellt worden; be— 
reits das 11. Jahrhundert hat es gekannt, und einigermaßen 
ausgebildet begegnet es schon um die Mitte des 12. Jahrhunderts?. 
In seiner besonderen Form scheint es sich zu dieser Frühzeit 
jenen Freundschaftsbunden genähert zu haben, die in den 
mannigfachsten Ausbildungen von jeher die Entwickelung deut⸗ 
schen Lebens und Gemütes begleitet und ihren Niederschlag ge— 
funden haben in der Überfülle von Ausdrücken, die unserer 
Sprache für den Begriff engster Genossenschaft stets zu Gebote 
standen: von gotisch gajuké, althochdeutsch gimahhbo und mittel⸗ 
hochdeutsch gespan herab bis auf die noch uns geläufigen Ge⸗ 
finde, Gefährte, Geselle, Genosse und die jüngeren Kumpan und 
Kamerad. Die Liebenden mochten sich als Teilhaber einer über— 
mächtigen, von seiten des Mannes durch ritterliches Wesen und 
ritterliche That verdienten Minne fühlen; so gingen sie inein— 
ander über in Liebe und Treue, in Heimlichkeit und Gefahr. 
Aber diese erste Stufe ritterlicher Frauenliebe ward abge— 
löst durch eine zweite, höhere, in der die Frau nicht mehr als 
gleichgeordnete Genossin, als Gesellin des Mannes erscheint, 
sondern über ihm steht als seine Herrin, als die Lehnsdame 
gleichsam seiner Person und seiner Wünsche. Es ist eine Ent— 
Grec 620 ff. 6576 ff. 
2 Das zeigte die bekannte lyrische Stelle im Ruodlieb (um 1030) und 
die erste Redaktion der Kaiserchronik (vor 1147).
	        
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