238 Neuntes Buch. Drittes Kapitel.
Winter ein treues Weib daheim aufsuchte!, scheint er seine
ganze Erziehung den kriegerischen Anforderungen seines Standes
und den Belehrungen des Volkes verdankt zu haben, dem er
draußen begegnete. So waren ihm Weidwerk und Kampfwerk
geläufig; aber niemals drang er vor zur Wissensklarheit eines
Gottfried; die ganze Schuttmasse der Überlieferung der Vaganten
häufte sich nur mühsam geordnet bei ihm an, und nur eine ober⸗
flächliche Kenntnis des Französischen ward ihm durch den Aufent-
halt an fürstlichen Höfen vermittelt. Es war das Strandgut
des Wissens, nichts mehr, dessen Besitz den ewig wissensdurstigen
Mann befriedigen mußte.
Aber freilich nicht im Wissen waren die Grundvesten seines
Wesens verankert. Im Gegensatz zu Gottfried ist Wolfram
vor allem eine sittliche Natur, ja er ist der einzige Mensch der
Stauferzeit, der uns als volle sittliche Individualität entgegen—
tritt. Eben von hier aus nahm Wolfram Stellung zur Kon⸗
benienz seiner Zeit: sie konnte nur eine überlegen kritische sein.
Nie hat Wolfram tändelnde Minnelieder geschaffen; im
vollsten Gegensatz zu den Idealen seiner Standesgenossen
zehörte sein Herz allein dem tiefgegründeten Liebesfrieden der
Ehe. Nicht als ob er leidenschaftlicher Regungen bar gewesen
wäre. Noch in vorgerücktem Alter hat er die Liebessehnsucht
Sigunens nach Schionatulander in bald schmelzend flutenden,
bald heiß wallenden Versen zu schildern gewußt:
Owe swenn ich enslafen bin, s0 kumt er mir vil dicke,
unde mich erweckent die vil süuezen minneclichen schricke:
so wirt erniuwet aber min altes truren.
uf min flinslichen sorge möht man für sturm eine burc muren?.
Was aber Wolfram verachtete, das war die höfische Kon—
venienz der Minne. In diesem Sinne kämpft seine Lyrik gegen
den Minnedienst, wie seine Epik gegen die äußerliche Auffassung
des konventionellen Heldentums.
Zwar bietet nach Wolfram auch das konventionelle Ritter
Vgl. Domanig im Hist. Jahrbuch 8, 67 —81.
Titurel. Strophe 125.