250 Neuntes Buch. Drittes Kapitel.
funden; eine Fülle von Märchen und Anekdoten durchschwirrte
die Luft, aus der sich ernster etwa die Geschichten vom Guten
Gerhart und von Meier Helmbrecht als soziale Schilderungen
des Bürger- und Bauernstandes, heiterer die Schwänke des
Pfaffen Amis und die Erzählung von Kaiser Otte mit dem
Barte hervorheben.
Indem man aber so auf den Realismus des Tages ein—
ging, bunt, breit und lebhaft, wuchs der epische Suͤn zum
erstenmal hinein in das Verständnis und die Tradition des
thatsächlich Zuständlichen, erhob sich zum erstenmal eine Art
oolkstümlich-historischen Sinns für die Geschichte der Gegen—
wart. Ihm verdanken wir bis zu einem gewissen Grade schon
jene wundersame Wahrheit und Dichtung eines Ritterlebens,
die im Frauendienst Ulrichs von Lichtenstein vorliegt; vor allem
aber sind auf ihn die Reimchroniken der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts zurückzuführen, der Sang des Kölner Stadt—
schreibers Gottfrid Hagene vom Kampf der Bürger gegen die
Erzbischöfe, die zeitgenössische Geschichte Otokars von Steier,
jpäter die Deutschordenschronik des Nicolaus von Jeroschin.
In all diesen Wandlungen war die Epik zum Volkstüm—
lichen gelangt, nicht anders als die Lyrik: wie beide seit Mitte
des 12. Jahrhunderts dem nährenden Urgrund des Nationalen
entstiegen waren, so sanken sie seit Mitte des 18. Jahrhunderts
wiederum in ihn hinab. Und wie dem Aufschwung eine Periode
geistlicher Dichtung in volkstümlichem Sinne vorangegangen war,
so ward jetzt der Verfall von einem analogen Hervortreten des
Klerus oder wenigstens geistlicher Zeitströmungen begleitet und
gemildert.
Schon die Spruchdichtung, die seit den Tagen Walthers
durch das ganze 18. Jahrhundert und darüber hinaus geblüht
hat, kann als Überleitung zur geistlichen Betrachtung gefaßt
werden. Zwar haben fast alle großen Spruchdichter des
13. Jahrhunderts, der Bruder Wernher, Reimar von Zweter,
der Tanhuser, der Marner, später Rumelant, Frauenlob und
Regenbogen, auch weltliche Interessen gehabt, und ihre politische
Dichtung überdauert sogar noch die Tage Rudolfs von Habs