312 Zehntes Buch. Erstes Kapitel.
bedeckt den Kanal nach Brügge; und nur die Statue des großen
Vlaamendichters Maarlant, die auf das verwahrloste Pflaster
des Marktes herniederschaut, erinnert daran, daß die Vlamingen
der Gegenwart ihrer Größe gedenken.
Das 18. Jahrhundert aber genoß und entwickelte in vollen Zügen,
was das 12. Jahrhundert begonnen hatte. Weithin befruchtete
die bürgerliche Kultur der Vlamingen die Territorien der Nieder⸗
lande; in Brabant vor allem entwickelten sich Tuchgewerbe und
Tuchhandel und die Städte des Landes blühten empor, wenn
auch Löwen und Brüssel, Thienen und Atrecht den Höhepunkt
ihrer mittelalterlichen Entwickelung erst im 14. Jahrhundert
erlebt haben.
In Flandern selbst aber waren das 18. und 14. Jahr⸗
hundert die glänzenden Zeitalter zunächst aristokratischer, darnach
popular⸗bürgerlicher Größe. Noch heute dauern die Zeugen
dieser Jahrhunderte in unmittelbarster Belehrung fort: die um—
fassenden Gildhallen, Verkaufsräume, deren größter, die Jeperner
Halle, in einer Fassadenausdehnung von 140 Metern schon im
Jahre 1201 begonnen ward; die stolzen Belfriede, zumeist den
Gildhallen einverleibt, deren Haupt die Glocke trug zu der
Gemeinde Recht und Not, deren untere Stockwerke die Urkunden—
gewölbe bargen und das eifrig gehütete große Siegel der Stadt;
die Zeughäuser mit ihrem wohlgesichteten Vorrat an Bliden und
Armbrüsten und Pfeilen; die freiräumigen Kirchen endlich,
deren weite Dehnung gern fünf Schiffe umschließt, die Menge
des Volks zu fassen.
Es war eine Kultur, die mit breiten Ellbogen gleichsam
vorwärts drängte, weitspurig und unduldsam in ihrer Größe:
sollte sie, lokalisiert in gewaltige Städte, nicht den Gesamt⸗—
verband des Landes haben sprengen müssen?
Die Macht der Grafen von Flandern war ursprünglich
nicht gering. Als Markgrafen gegenüber den Einfällen der
Normannen emporgekommen, vereinten sie in ihren Händen
gleich den Markgrafen an der slawischen und magyarischen
Ostgrenze des Reiches in besonderem Maße militärische und
richterliche Gewalten und entwickelten über der früh verblassenden