20 Achtes Buch. Erstes Kapitel.
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sorgenvoll der Reise zur See gedächte. Dennoch regt sich im
Seemann der Fahrtendrang, fern will er fremde Lande schauen.
Nicht auf Harfenspiel, auf Ringspende und Wonne am Weib
steht sein Meinen; dem Meer, dem Wogengewühl gilt seine
Sehnsucht. Der Lenz naht, die Bäume blühen, es grünen die
Wiesen: da schweift sein Sinn über des Walfisches Heimat zum
Ende der Welt und weist ihn mit unwiderstehlicher Lockung den
Todweg des Meeres.“ Abenteurerlust, das urgermanische Wohl⸗
gefühl an der Unfaßbarkeit des Erhabenen, Wagemut zum Be—
stehen übermenschlicher Gefahren haben dem nordischen Handel
den Weg bereitet. So fuhren die Friesen über Meer den
Nordweg und zum eisigen Island; und mit ihnen gelangten
dorthin die Erzeugnisse Deutschlands und der Mittelmeerländer
wie des Orientes zum Austausch gegen nordische Produkte,
Pelzwerk vornehmlich und Fische. Dieser Verkehr erforderte
nun wiederum einen größeren Handel nach Süden hin; von
Wijk bij Durstede, ihrer Haupthandelsstadt an der letzten und
damals wichtigsten Gabelung des Rheines im Niederland, fuhren
namentlich die Friesen den Strom zu Berg, sie wurden heimisch
in Duisburg und Köln, in Mainz und Worms, und sie drangen
üüber Land bis zu den Messen von St. Denys. Aus dieser Zeit
stammt unsere Bezeichnung groben Wollenzeuges als Fries?: es
war der hauptsächlichste Ausfuhrartikel des Nordens; schon früh
ist der Name auch ins Romanische gedrungens. Daneben wurde
Leinwand zum Süden geführt: Laken und Linnen sind nieder—
deutsche, sehr zeitig ins Hochdeutsche aufgenommene Wortformen.
Und wie die Erzeugnisse der Webindustrie aus dem Norden
kamen, so gelangten schon in dieser Frühzeit unseres Handels
einzelne Naturalprodukte aus dem Süden nach Deutschland;
noch jetzt erinnern die Worte Wal-Nuß und Lamberts-Nuß
an die welschen, lombardischen Händler.
1Aus spätkarlingischer Zeit; Thorpe Cod. Exon. S. 806 ff.
Von altfriesisch krisle Haupthaar.
3 Französisch frise.