Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 153 
unbewußt, naiv, überaus glücklich Nationales und Klassisches 
verbindend, erreichte das gleiche Ziel Boccaccio (18183 -1875). 
Er vermittelte in großen mythographischen, geographischen und 
biographischen Sammelwerken seinen Zeitgenossen mit Geschick 
gewisse Stoffe des Altertums, und er brachte in seinem Deca⸗— 
merone das vollste nationale Leben der Gegenwart in absoluter 
Natürlichkeit, fast ohne jedes Zugeständnis an die mittelalterlichen 
Mächte der Kirche und der konventionellen Zucht zum Ausdruck. 
Auf dem Gebiete der Kunst aber herrschte bereits ein gleiches 
Leben. Auch hier, bei Giotto und seiner Schule, einerseits ein 
enger Anschluß an die Antike. Aber nur in der Form, in der 
Profilbildung, im Faltenwurf, in den Motiven der Haltung 
und Bewegung. Im Innern der künstlerischen Schöpfungen 
dagegen pulsiert, wenn auch noch ruhig und scheinbar unter— 
bunden, nationales Blut; und in den Vorwürfen zeigt sich 
derselbe Sinn für große Allegorien und für die Darstellung 
der gewaltigsten dramatischen Momente des Christentums, des 
jüngsten Gerichts, des Inferno, des Paradieses, der die Dichtung 
Dantes beseelte. 
Der ersten Phase der italienischen Renaissance folgte seit 
dem Ende des 14. Jahrhunderts eine zweite, die ein wesent—⸗ 
lich verändertes Bild trägt. In der Kunst wurde jetzt schon 
humanistische Bildung als ein fast unentbehrliches Er— 
ziehungsmittel großer Meister vorausgesetzt; dieser Forderung 
entspricht, was von der Erziehung und Lebenshaltung z. B. 
Ghibertis, Brunelleschis oder Donatellos verlautet. Auch zeigen 
sich in den Denkmälern Spuren energischen Studiums der 
Alten, so in der dem Barock der römischen Kaiserzeit ent— 
nommenen Neigung, in fliegendem Haar, in windgeschwelltem 
Faltenwurf ein äußerlich möglichst bewegtes Leben zu verkörpern. 
Aber diese unmittelbaren Nachahmungen der Antike machen 
doch nicht das Wesen der Kunst des frühen Quattrocento aus. 
Vielmehr handelt es sich in ihr vor allem um ein energisches 
Studium der Natur selbst, wie es doch wohl unmittelbar aus 
dem rein nationalen Drang zum Persönlich-Realistischen
	        
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