Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 157 
nach Cicero; dem gingen später Übersetzungen alter Schriftsteller 
zur Seite, und in den Lehrplan der Universität Paris wurde 
sogar Quintilian schon einbezogen. 
Diese Bewegung, die bis in die zweite Hälfte des 14. Jahr⸗ 
hunderts hinein flott vorwärts verlief, ist in der That auch 
in Deutschland wirksam geworden. Der Luxemburger Karl IV. 
leitete sie an seinen Prager Hof; er ließ ein herrliches 
Schloß auf dem Hradschin nach dem Vorbild des Louvre 
erbauen; er führte französische Enlumineurs nach Böhmen; er 
schuf die Burg Karlstein nach dem Muster des päpstlichen Palastes 
in Avignon und berief den ersten Prager Dombaumeister Ma— 
thias aus Arras. Diesen Bestrebungen auf dem Gebiete der 
Kunst entsprachen verwandte auf litterarischem Felde. Den 
Mittelpunkt bildete hier die kaiserliche Kanzlei. Sie ward 
durch die Goldene Bulle (1856) säkularisiert und dem Einfluß 
der geistlichen Kurfürsten entzogen, und zum Kanzler ward 
Johann von Neumarkt, später Bischof von Olmütz (1874 -80), 
ein humanistisch gebildeter Mann, ernannt. Unter seiner Lei⸗ 
tung wurde der Aktenstil gereinigt zu geschmackvollem Latein; 
darüber hinaus wurde ein gewisser Einfluß auf die Geschichts— 
schreibung gewonnen und eine Verdeutschung antiker Autoren 
angestrebt. Es sind Neigungen, die auf die Kanzleien und Höfe 
des Ostens, namentlich Wiens, übertragen wurden und die in 
Böhmen selbst zu einer humanistisch angehauchten geist— 
lichen Dichtung wie zu jener lebhaften Erregung der Geister 
geführt haben, die dem Auftreten Husens vorausging!. 
Aber sie waren schon nicht mehr bloß von Frankreich her 
beeinflußt. Johann von Neumarkt war bereits ein Verehrer 
auch der italienischen Humanisten und italienischer Kultur über— 
haupt, und schon vor der Zeit seines Wirkens stand Karl IV. 
in lebhaftem Briefwechsel mit Petrarca und sah im Jahre 
1350 Cola di Rienzi an seinem Hofe. In den späteren 
Jahren Karls war es dann kein Zweifel mehr, namentlich seit 
Vgl. Band IV Buch XIII Kapitel 2 Nr. IV.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.