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Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Und schon waren vieler Orten in Oberdeutschland junge
Schulen einer naturalistischen Malerei erblüht, deren jüngere
Generation auf Schongauer als den Meister sehen konnte. In
Ulm malte in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts
Hans Schüchlin, und ihm folgte bis über das Ende des Jahr⸗
hunderts hinaus sein großer Schüler Bartholomäus Zeitblom,
ein Maler von ruhiger Auffassung, feinem Farbengefühl und
klarem Naturalismus der Einzelheiten, besonders des Falten—
wurfs. In Augsburg wie Nürnberg wirkten Künstler, aus
deren Schaffen die Thätigkeit des jüngeren Holbein und Dürers
hervorgegangen ist. In Tirol endlich blühten sogar zwei
Schulen, und die südlichere des Pusterthals besaß in Michael
Pacher zu Brunneck einen außerordentlich angelegten Künstler,
der gleichbedeutend als Maler und Bildschnitzer bis zum Jahre
1498 gelebt hat. Sein Hauptwerk in bildnerischer wie male—
rischer Hinsicht, der Altar des Klosters St. Wolfgang am
Abersee, zeigt den breiten, alles Kleinliche abwerfenden Natura—
lismus einer südlichen Natur, die, obwohl von Italien her be—
einflußt, doch germanisch festhält am Charakteristischen in der
Kunst und ihre höchste Kraft deshalb einsetzt für die Bildung
der Köpfe. Darüber hinaus aber offenbart sich ein eigenartiger
Sinn für das landschaftlich Stimmungsvolle, der zum Auf—⸗
suchen koloristischer Wirkungen drängt, der den Umriß zu ver—
wischen sucht, der aus dem bloßen Naturalismus der Lokaltöne
hinausleitet zum Naturalismus des Lichts und des Gesamt—
tons. Es ist eine Neigung, die schon nicht mehr die Kunst
des 15. Jahrhunderts kennzeichnet; unmittelbar führt sie aus
dem beschränkten Können dieses Zeitalters hinaus in die
Malerei eines Grünewald und Baldung, hinein in das volle
Blühen und Reifen der deutschen Kunst in den ersten Jahr—
zehnten des 16. Jahrhunderts.
Michael Pacher war Bildhauer und Maler. Nicht minder
hat der Nürnberger Wohlgemut, Dürers Lehrer, eine Werk—
statt für Malerei und Plastik geleitet. Es sind für die Ge—