Religiöse Bewegung; Luther.
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durch andere, die den Bestand dieses Sakraments als legal
voraussetzen. Fern war Luther noch jeder Scheidung von
Papst und Kirche, noch war er getreuer Hüter des nicht gemiß—
brauchten Bestehenden: noch kannte er die Tiefen seiner Seele
nicht: noch würde er jede Geistesverwandtschaft mit einem
Wesel abgewiesen haben, der schon zwei Generationen vor
ihm jederlei Ablaß als pia fraus gebrandmarkt hatte.
Der äußere Erfolg der Thesen überraschte Luther voll—
ständig; in vierzehn Tagen liefen sie durch Deutschland. Und
doch war die Wirkung erklärlich genug. In der Ablaßfrage
gipfelten alle Vorwürfe, die von den verschiedensten Stand—
punkten her gegen die Kirche erhoben werden konnten: hier
fanden sich die Frommen, ewig nach Heil dürstend und niemals
gesättigt, zusammen mit den Lauen, die den Ablaß unter
stillem Spotte kauften, und mit den Patrioten, die empört
waren über die Aussaugung des Volkes. Und in welchen Boden
ward diese Saat theologischen Zweifels und sittlicher Entrüstung
gesät! Unter den dünnen Schichten der Wohlhabenden und
humanistisch Gebildeten braute und wogte es im Hexrenkessel
sozialer Leidenschaften, sannen Bauerschaft und städtisches Prole—
tariat geheimer Erhebung nach, aufs äußerste empfänglich für
jede Auflehnung gegen gleichgültig welche Autoritäten. Die
höheren Schichten aber waren längst voll Spotts über Kirche
und Klerus; die entrüstete Sprache Luthers war ihnen ein
neuer, interessanter Ton in gewohnter Musik. Dazu die un—
endlich gewachsenen Verkehrsmöglichkeiten der Zeit, die neuen
Wege des Nachrichtendienstes und des Handels, und als un—
erhörter Fortschritt geistiger Mitteilung der Buchdruck! Und
all diese Mittel vereinzelt schon zur geistigen Bearbeitung der
Nation angewandt in den politischen Manifesten Kaiser Mari—
milians, in der astrologisch-kalendarischen Volkslitteratur, in
der Verbreitung von Schriften der Erbauung und in Büchern
einfachsten litterarischen Zeitvertreibs!
Und innerhalb des kirchlichen Gebietes selbst wieder ein
Stand, bereit und fast gezwungen, sich der Verbreitung der
Anschauungen Luthers besonders anzunehmen: der Pfarrklerus.