Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Religiöse Bewegung; Luther. 
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durch andere, die den Bestand dieses Sakraments als legal 
voraussetzen. Fern war Luther noch jeder Scheidung von 
Papst und Kirche, noch war er getreuer Hüter des nicht gemiß— 
brauchten Bestehenden: noch kannte er die Tiefen seiner Seele 
nicht: noch würde er jede Geistesverwandtschaft mit einem 
Wesel abgewiesen haben, der schon zwei Generationen vor 
ihm jederlei Ablaß als pia fraus gebrandmarkt hatte. 
Der äußere Erfolg der Thesen überraschte Luther voll— 
ständig; in vierzehn Tagen liefen sie durch Deutschland. Und 
doch war die Wirkung erklärlich genug. In der Ablaßfrage 
gipfelten alle Vorwürfe, die von den verschiedensten Stand— 
punkten her gegen die Kirche erhoben werden konnten: hier 
fanden sich die Frommen, ewig nach Heil dürstend und niemals 
gesättigt, zusammen mit den Lauen, die den Ablaß unter 
stillem Spotte kauften, und mit den Patrioten, die empört 
waren über die Aussaugung des Volkes. Und in welchen Boden 
ward diese Saat theologischen Zweifels und sittlicher Entrüstung 
gesät! Unter den dünnen Schichten der Wohlhabenden und 
humanistisch Gebildeten braute und wogte es im Hexrenkessel 
sozialer Leidenschaften, sannen Bauerschaft und städtisches Prole— 
tariat geheimer Erhebung nach, aufs äußerste empfänglich für 
jede Auflehnung gegen gleichgültig welche Autoritäten. Die 
höheren Schichten aber waren längst voll Spotts über Kirche 
und Klerus; die entrüstete Sprache Luthers war ihnen ein 
neuer, interessanter Ton in gewohnter Musik. Dazu die un— 
endlich gewachsenen Verkehrsmöglichkeiten der Zeit, die neuen 
Wege des Nachrichtendienstes und des Handels, und als un— 
erhörter Fortschritt geistiger Mitteilung der Buchdruck! Und 
all diese Mittel vereinzelt schon zur geistigen Bearbeitung der 
Nation angewandt in den politischen Manifesten Kaiser Mari— 
milians, in der astrologisch-kalendarischen Volkslitteratur, in 
der Verbreitung von Schriften der Erbauung und in Büchern 
einfachsten litterarischen Zeitvertreibs! 
Und innerhalb des kirchlichen Gebietes selbst wieder ein 
Stand, bereit und fast gezwungen, sich der Verbreitung der 
Anschauungen Luthers besonders anzunehmen: der Pfarrklerus.
	        
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