Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 85
Es ist der erste, noch überaus ursprüngliche Zerlegungs—
versuch dessen, was Descartes als Selbstbewußtsein bezeichnet
hatte, der vornehmlich intellektuell gedachten Psyche des 16.
bis 18. Jahrhunderts. Ein für das Zeitalter gefährliches
Verfangen! Denn da diese Psyche in sich gleichartig und
einheitlich, nämlich eben im Grunde rein intellektuell vor—
gestellt wurde, so konnte ein erstes Unternehmen, diese Einheit
zu untersuchen und das heißt zu sprengen, einen Schritt über
das Zeitalter selbst hinaus bedeuten, hinein in die Auffassung
der kommenden, subjektivistischen Zeit, der die Anschauung der
Seele als eines Zusammengesetzten, in ewiger Aktualität Be—
findlichen früh geläufig ward.
Allein Locke war weit entfernt, aus seiner Lehre Folge—
rungen in dieser Richtung zu ziehen. Für ihn ergab sich, nach
dem geistigen Charakter seines Zeitalters, nur die Aufgabe,
aus den gefundenen Unterschieden her den Weg des Erkennens
zu beleuchten. Und da war für ihn ebensowenig wie schon
früher für Descartes ein Zweifel, daß die Sicherheit des
inneren Erfahrens, der einfachen Vorstellungen eine weit höhere,
ja eigentlich die einzig wirkliche sei. Die Wahrnehmungen der
äußeren Sinne unterlagen nach ihm dagegen all den Täuschungen,
die Hobbes, ja teilweis schon Descartes aufgedeckt hatte; sie
standen ihm unter den nur menschlichen Kategorien des Raumes
und der Zeit; sie waren ihm nur Zustände der erfahrenden
Seele: wer wußte, inwiefern sie dem Wesen der Dinge entsprachen?
Eine Zuflucht gegenüber ihrer Sicherheit aber bot die innere
Erfahrung: sie allein gewährt ein richtiges Abbild der Welt;
daran darf man nicht zweifeln, oder man verfällt dem ödesten
Skeptizismus.
Mrun hat Locke allerdings den Inhalt dieser inneren Er⸗
fahrung und die Möglichkeiten seiner Entstehung anders vor⸗
gestellt und konstruiert als Descartes; er machte in dieser Hin—
sicht einer diesseitigen Auffassung der Dinge schon einige Zu—
geständnisse. Aber im ganzen ist es nach dem bisher Aus—
geführten klar, daß er, soweit es sich um die Frage der In—
duktion und Deduktion handelte. doch auf dem Standpunkte des