102 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
außerordentlich fruchtbar geworden. Aber verdankten sie das
dem Ganzen des Systems, innerhalb dessen sie standen?
Keineswegs! Die Ideen, welche aufgenommen wurden, waren
eben jene, die aus dem Systeme hinaus auf eine sozial—
psychisch höhere Zukunft hinwiesen, die Idee der Kontinuität
zum Beispiel und die der Entwicklung: d. h. Ideen, welche das
subjektivistische Zeitalter psychologisch notwendig aus sich hätte
entwickeln müssen, nun aber schon bei Leibniz einigermaßen
oräformiert vorzufinden besonders erfreut war.
Aber auch auf die Geisteswissenschaften hat das System
Leibnizens nicht unmittelbar eingewirkt, von wie außerordent⸗
licher Bedeutung es auch hier später, im subjektivistischen Zeit—
alter, und wiederum vom Standpunkte seiner gedanklichen
Protuberanzen in dieses hinein, geworden ist. Wie eine Ein—
wirkung seiner rationalen und darum schlechthin zeitgemäßen
Elemente auf zeitgenössisch-geisteswissenschaftlichem Gebiete hätte
verlaufen können, läßt sich freilich immerhin aus einzelnen
oraktischen Beispielen ermessen. So z. B. auf dem Gebiete der
Sprache. Hier brachte es die bei Leibniz ausgeprägte ratio—
nalistische Vorstellung, daß das Wesentliche in der Welt die
durch Worte bezeichneten Begriffe oder Ideen seien, mit sich,
daß man diese Begriffe oder Ideen für im Grunde bei allen
Menschen identisch hielt: verschieden seien nur die sprachlichen
Zeichen. Und von diesem Standpunkte aus kam schon Leibniz
selbst zu der praktischen Forderung wo möglich nur einer
Sprache: gäbe es diese, so gewänne das Menschengeschlecht ein
Drittel seiner Lebenszeit, das es jetzt auf Spracherlernung ver—
wenden müsse.
Allein auch von der ausgesprochenen und spontanen Auf—
aahme solcher klar durchdachter und ausgefeilter philosophisch—
rationaler Elemente waren die Geisteswissenschaften der Zeit
Leibnizens noch weit entfernt. Will man diesen Standpunkt
verstehen, so muß man bedenken, mit welcher Belastung aus
einer langen Vergangenheit her, mit welchem Gepäck gleichsam
der Jahrhunderte die Geisteswissenschaften nach Eintritt der