Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

110 
Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
ein Erfolg zu winken schien, als ein Wechsel der politischen Kon⸗ 
sttellation alles, und nun für immer, wieder ins Ungewisse 
stellte. Nicht minder scheiterten Verhandlungen wegen einer 
Vereinigung zwischen Lutherischen und Reformierten, die sich 
gegen Ende des 17. Jahrhunderts über ein Jahrzehnt hin— 
zogen, wie verwandte, weniger hartnäckige Versuche noch in den 
heiden ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. 
Gleichwohl war, ganz allgemein betrachtet, das Ergebnis 
dieser Bemühungen nicht gering. Zunächst war der Gedanke, 
daß die katholische Kirche die Mutter aller Konfessionen sei, 
die darum zu ihr heimzukehren hätten, im Laufe der Einigungs⸗ 
versuche ganz zurückgetreten: gleichberechtigt standen jetzt die 
Konfessionen in der Meinung der Zeitgenossen nebeneinander. 
Des weiteren aber ergab sich, da sich diese Gleichberechtigung 
nicht mehr aus der Welt schaffen ließ, aus der Tatsache an 
sich und somit nicht mehr allein vom rationalen Standpunkte 
aus der Grundsatz der Toleranz, der religiösen Duldung. 
Nun hat es zwar noch geraume Zeit gedauert, ehe dieser 
Grundsatz auch wirklich zur Lebensmaxime selbst nur der edleren 
Geister wurde! — man weiß, wie sich noch Paul Gerhardt 
gegenüber den Toleranzbefehlen des Großen Kurfürsten ge⸗ 
sträubt hat —: allein ein Anfang der Duldung war doch ge— 
funden. Und schon war diese zunächst vom Rationalismus aus— 
gegangene Strömung von einer anderen Seite her ziemlich un— 
erwarteterweise gestärkt und begünstigt worden. Der Pietismus, 
von dem später genauer zu reden sein wird, jene Frömmigkeits- 
bewegung, die gern Kirchenstreit und kirchliche Formalien auf— 
gab und übersah zugunsten der Unmittelbarkeit des religiösen 
Erlebnisses, konnte, selbst auf kirchliche Duldung angewiesen, 
der alten Intoleranz keinen Geschmack abgewinnen: leise schon 
streckte er sich jenem Ideal der Duldung des subjektivistischen 
Zeitalters entgegen, in dem wissenschaftliches Denken und reli— 
giöses Erlebnis grundsätzlich voneinander geschieden wurden. 
Val. dazu auch Bd. VI, S. 55 ff.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.