Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 117 
durch die Vorgänge im fernen Amerika, wo sich eine neue Ge— 
sellschaft auf jungfräulichem Boden ihre Rechtsbegriffe selbst zu 
schaffen schien. Indem sich sein Denken so der Zeit und ihren 
Ereignissen und Bedürfnissen enger anschloß, ist es von größter 
Bedeutung für die staatswissenschaftlichen Anschauungen des 
ausgehenden rationalistischen Zeitalters geworden. 
Nach Deutschland wurden Lockes Gedanken vornehmlich auf 
zweierlei Weise gebracht. Einmal unmittelbar durch die staats— 
wissenschaftlichen Werke der jungen Universität Göttingen, die mit 
ihrer Verteidigung des Lockeschen Systems ebenso zugunsten der 
englischen Umwälzung des Jahres 1689 kämpfte, wie die Schule 
der jungen Universität Halle auf Grund der Lehren von Pufen— 
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aber mittelbar durch Montesquieu, der in seinem „Esprit des 
lois“ vom Jahre 1749 die englische Verfassung von 1689 
auf Grund wesentlich der Anschauungen Lockes als das Ideal 
seglicher Staatsform pries. 
Aber schon lange vor Montesquieu hatten diese An— 
schauungen in Deutschland Wurzel gefaßt, und wenn sich auf 
Grund ihrer Aufnahme und ihres Durchdenkens keine Literatur 
von allgemeiner Bedeutung erhob, so war das nur die Folge 
des gänzlich unpolitischen Charakters der gebildeten deutschen 
Gesellschaft während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 
Wo die Lehren aber zufällig auf einen politischen Kopf trafen, 
da wurden sie auch in dieser Zeit mit einem Feuer auf— 
genommen, dessen Lebendigkeit am besten den vollen Sieg der 
naturrechtlichen Theorien dartut. Und nichts erbringt wohl den 
Beweis für diesen Zusammenhang besser, als der Charakter der 
Anschauungen Friedrichs des Großen. 
Schon im Antimacchiavell Friedrichs findet sich der Satz: 
„Es scheint mir, daß, wenn es eine Regierungsweise gibt, deren 
Weisheit man in unsern Tagen als Muster aufstellen kann, es 
die englische sei; dort ist das Parlament der Schiedsrichter des 
Volkes und des Königs, und der König hat alle Macht, gut, aber 
keine, böse zu handeln.“ Dem entspricht es, wenn Friedrich zeit 
seines Lebens, den Lehren der Vertragstheorie folgend, die
	        
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